Sport : Wer will schon Meister werden? Warum das Interesse am

Marathontitel so gering ist

Daniel Meuren[Mainz]

Wer heute als schnellster Deutscher die Ziellinie an der Mainzer Rheinstraße überquert, wird sich bestimmt über die Siegprämie von 1500 Euro freuen, aber wohl weniger über den Titel. Deutscher Marathon-Meister, das ist ein Erfolg von zweifelhaftem Wert. Denn Meister zu werden, heißt noch lange nicht, auch der beste deutsche Langstreckenläufer zu sein. Die wenigen deutschen Spitzenläufer machen auch an diesem Wochenende wieder einen Bogen um die Meisterschaft.

Die besten Marathonläufer teilen sich schließlich ihre drei bis vier jährlichen Einsätze über 42,195 Kilometer ziemlich genau ein. Die deutsche Meisterschaft ist dabei nicht einmal die zweite Wahl, auch wenn es in diesem Jahr für Siegerin und Sieger zum ersten mal 1500 Euro zu verdienen gibt. „Wir können eben nicht erwarten, dass unsere besten Athleten die Meisterschaft laufen, weil sie aus einem Riesenangebot an Marathons auswählen können“, sagt der Langstrecken-Bundestrainer Detlef Uhlemann. Folglich ist der sportliche Stellenwert auch bei der diesjährigen Auflage in Mainz wieder fragwürdig, wo die nationalen Titelkämpfe heute erstmals im Rahmen des Gutenberg-Marathons ausgetragen werden (9.30 Uhr, live im SWR).

Europameisterin Ulrike Maisch und den anderen deutschen Spitzenläufern fehlen beim Mainzer Marathon um den Dom Startgelder und Tempomacher, die sie bei ihrem Angriff auf Bestzeiten unterstützen könnten. Der auf Breitensport ausgerichtete Gutenberg-Marathon, der mit seinem Siegerscheck von 3000 Euro lediglich international drittklassige Läufer an die Spitze des 9500 Teilnehmer großen Feldes lockt, kennt solche Tempohasen nicht. Für die Ausrichtung der Meisterschaft des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) qualifizierten sich die Veranstalter der Stadt Mainz vor allem dadurch, dass sie bislang keine Unterstützung eines Konkurrenten von DLV-Sponsor Nike erhalten.

Der amerikanische Sportartikelkonzern sponsert derzeit keinen Großmarathon in Deutschland, bei dem man die Meisterschaft unterbringen könnte. Berlin beispielsweise hat einen Vertrag mit Adidas. Die Austragung bei einer Veranstaltung eines Konkurrenten liegt nicht im Interesse von Nike.

In Mainz muss man sich daher damit begnügen, dass wenigstens bei den Männern ein Läufer dem Wettbewerb etwas sportliche Bedeutung gibt. Alexander Lubina, im Vorjahr Deutscher Vizemeister über 10 000 Meter, wagt sein Marathon-Debüt, bei dem er eine Zeit unter 2:17:20 Stunden laufen will. Damit könnte sich der 27 Jahre alte Wattenscheider für das Dreier-Team qualifizieren, das der DLV Ende August in den WM-Lauf von Osaka schicken will. Die Nominierung für den im Rahmen des WM-Marathons ausgetragenen Mannschafts-Weltcup ist die Hintertür für die deutschen Läufer, die von der eigentlichen Norm von 2:13 Stunden derzeit kilometerweit entfernt sind. „Für Lubina wäre diese WM-Quali ein Riesenschritt auf dem Weg zu seinem großen Ziel WM 2009 in Berlin“, sagt DLV-Trainer Uhlemann. Bei den Frauen ist der sportliche Stellenwert noch geringer. Zu den Titelkandidatinnen wollte Uhlemann erst gar keine Worte verlieren: „Das sind Athletinnen, die nicht in meinem Fokus sind.“

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