Sport : Wer zu spät kommt

Sven Goldmann über die gescheiterten Reformen bei Hertha BSC.

Sven Goldmann

Dass Hertha BSC am Samstag gegen Eintracht Frankfurt verloren hat, war so überraschend nicht. Die Eintracht hat eine gute, eingespielte Mannschaft, die zur Rückrunde noch punktuell und teuer verstärkt wurde. Hertha hat ein Team im Umbruch, das in der Hinrunde unter den ohnehin geringen Erwartungen blieb, in der Winterpause einen brasilianischen Nationalspieler verlor und kurzfristig eine Reihe von neuen Spielern integrieren muss, über deren Qualität nicht viel bekannt ist. Überraschend war allenfalls, mit welchem Mut, ja welcher Chuzpe der Klub seine runderneuerte Mannschaft in die Rückrunde schickte.

Herthas im vergangenen Frühjahr verabschiedeter Masterplan sah diese Saison als Übergangsjahr vor, in der Rückrunde wollte man sich warmspielen für das kommende Jahr. Aber hat jemand ernsthaft geglaubt, fünf Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz wären ein Polster, auf dem es sich geruhsam experimentieren ließe? War ein Abdriften in die Abstiegszone für Herthas Führung wirklich nie ein Thema?

Hertha BSC unter Lucien Favre erinnert im Frühjahr 2008 an die Sowjetunion unter Michail Gorbatschow. Jeder weiß, dass die Reformen ohne Alternative sind. Aber jeder spürt auch, dass man in ein paar Monaten nicht nachholen kann, was über Jahre versäumt wurde. Und dass allzu kühne Erwartungen an der Realität scheitern müssen.

Nach Favres erstem, zaghaften Umbruch hat die Aufbruchstimmung Hertha immerhin noch durch den Spätsommer getragen. Im Herbst war sie verfolgen. Beim zweiten, ungleich radikaleren Umbruch hat sich so etwas wie Aufbruchstimmung gar nicht erst eingestellt. Gerade 30 000 Zuschauer wollten am Samstag bei zunächst bestem Fußballwetter die neue Hertha sehen. Lethargisch ließen sie das Spiel über sich ergehen. Das Volk hat ein gutes Gespür für grundsätzliche Stimmungen, denn es macht sie selbst. Kein Russe will heute noch wissen, dass Michail Gorbatschow mal ein Held war.

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