Sport : Werbung ist wichtiger als Training

Weltmeister Walujew und seine ungewöhnliche Vorbereitung auf den WM-Kampf in den USA

Hartmut Scherzer

Berlin - Die peinliche Nummer mit King Kong wurde dann doch gestrichen. Die Medienpropaganda für den Boxweltmeisterschaftskampf Nikolai Walujews gegen Monte Barrett hatte sich anfangs nicht gescheut, den ersten Kampf des Riesen aus Russland in den USA mit dem Kultaffen aus Hollywood zu verknüpfen: „King has found his Kong“, King hat seinen Kong gefunden – unter diesem Motto sollte der Kampf in Chicago stattfinden. Wer 2,13 Meter misst und an die 150 Kilo wiegt, den kann ein Marktschreier wie der exzentrische Promoter Don King eben nicht einfach nur so als WBA-Champion im Schwergewicht lobpreisen, damit das amerikanische Boxpublikum sich für die Riesensensation interessiert. Also glorifiziert King seinen Boxer nun als „achtes Weltwunder“.

Doch der 33 Jahre alte Russe Nikolai Walujew bietet zur Vermarktung für den amerikanischen Geschmack außer seiner kolossalen Statur noch andere Aspekte. Der Gigant stammt aus St. Petersburg. Der Termin seiner ersten Titelverteidigung in Amerika, am Sonntag (ca. fünf Uhr morgens live in der ARD), in der Allstate Arena in Rosemont bei Chicago, wurde in den Oktober gelegt. Russland, St.Petersburg, Oktober – da war doch mal was? Richtig, die Revolution der Bolschewiki 1917. Also ersann der 75-jährige Don King, der gern mit seinen Geschichtskenntnissen prahlt, als Motto für die Vermarktung des Riesenereignisses den „Big Red October“. Großer Roter Oktober. Lenin statt King Kong also.

Bei der sechstägigen Promotiontour durch die USA Anfang September von Küste zu Küste, von New York über Chicago nach Los Angeles, hatte Nikolai Walujew noch ein bisschen King Kong spielen müssen. Zwischen Frühstück mit dem russischen Botschafter Witali Tschurkin, Pressekonferenzen und TV-Shows, Besuchen bei Donald Trump und dem Tennisturnier US-Open sollte sich der Russe natürlich auch auf dem Empire State Building zeigen, dort, wo im Kino 1933 im legendären Film „King Kong“ vom damals höchsten Gebäude der Welt das mythische Ungeheuer von Maschinengewehrsalven aus Kampfflugzeuge herunter geschossen wurde. Doch irgendwann verlor auch der gutmütige Walujew die Geduld. Er fühlte sich herumgereicht, die PR-Termine nervten ihn. „Ich habe jetzt zwei Tage nicht trainiert“, schimpfte er. „So geht das auf keinen Fall weiter.“

Derweil konnte sich im Schatten des Giganten sein amerikanischer Herausforderer in aller Ruhe neun Wochen lang in den Catskill Mountains, New York, vorbereiten. Der 35-jährige Monte Barrett sagt wie alle 44 Walujew-Gegner vor ihm: „Ich habe keine Angst vor dem großen Kerl.“ Der 28 Zentimeter kleinere Barrett verlor bisher vier seiner 31 Fights, während Walujew noch nie als Profi verloren hat. Monte Barrett habe aber nur die Chance eines Lotterie-Volltreffers, tönt daher auch Promoter Don King.

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