Werder Bremen : Am Ende der heilen Welt

Der Bremer Ivan Klasnic klagt nicht nur seinen Klub an, sondern auch die medizinische Praxis in der Bundesliga. Für Werder Bremen darf er trotzdem weiter Tore schießen. Möglicherweise auch über den Sommer hinaus.

Frank Hellmann[Bremen]
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Ivan Klasnic wirft der Vereinsführung vor, ihn nach seiner Nierenerkrankung allein gelassen zu haben. -Foto: dpa

Bislang galt Werder Bremen immer als eine Art Idyll in der schonungslosen Welt des Profifußballs. Nun ist die vermeintlich heile Welt in ihren Grundfesten bedroht, und das bis weit über die Bremer Stadtgrenzen hinaus. So sehr, dass Thomas Schaaf gestern sogar beim Training fehlte – statt dessen saß der Trainer mit zwei Rechtsanwälten und den Geschäftsführern des Klubs, Klaus Allofs und Manfred Müller, an einem Tisch. Fünf Stunden lang wurde die Gemengelage erörtert, die in der Bundesliga einzigartig ist: Werders Spieler Ivan Klasnic und vor allem seine Frau Patricia hatten nach der Nierentransplantation des Stürmers schwere Vorwürfe gegen den Verein erhoben. Immerhin: Trotz der Beschuldigungen („Werder hat meinen Mann krank gemacht“) wird der Vertrag nicht aufgelöst. Es werde sogar erwogen, den auslaufenden Kontrakt mit dem 28-jährigen Klasnic zu verlängern, beteuerten die Bremer Bosse. Das erscheint angesichts der Heftigkeit der vom kroatischen Nationalstürmer offensiv verbreiteten Vorwürfe aber eher unwahrscheinlich.

In der ARD-Talkshow „Beckmann“ behauptete Patricia Klasnic, ihr sei lange „von der Geschäftsleitung ein Maulkorb“ verpasst worden. Zudem stellte sie der Geschäftsführung auch in zwischenmenschlicher Hinsicht nach der Nierenerkrankung ihres Mannes ein vernichtendes Zeugnis aus („Ich habe einen Anruf vermisst“). Ein Verhältnis zum Verein habe sie nicht mehr. Zusammen mit dem von ihr beauftragten Hamburger Medizinrechtler Matthias Teichner, der eine 21-seitige Klageschrift über einen Streitwert von 1,5 Millionen Euro eingereicht hat, legte die resolute Frau dar, wie schlecht die medizinische Betreuung durch den Mannschaftsarzt Götz Dimanski gewesen sei: „Meine Meinung vom Mannschaftsarzt ist nicht positiv. Wenn man zum Arzt geht, und der sagt, man ist gesund, dann glaubt man das.“ Dabei würde, so behauptet das Ehepaar, der Mediziner nicht einmal wissen, was ein Kreatinin-Wert sei – das Maß für die Nierenfunktion.

Konkret warf das Ehepaar dem Arzt Dimanski und der ihm in einer Tochtergesellschaft des Werder-Sportheps zuarbeitende Kardiologin Manju Guha vor, „dass Ivan Klasnic zu keinem Zeitpunkt richtig behandelt worden ist“, wie Rechtsbeistand Teichner es formulierte. „Ich bearbeite 100 Fälle im Jahr – dies ist einer der fünf, die mich sprachlos machen.“

So sollen dem 28-Jährigen, der seit März 2007 mit der Spenderniere seines Vaters lebt und seit kurzem auch wieder spielt, nachdem die erste Transplantation mit dem Organ der Mutter fehlgeschalgen war, über vier Jahre lang insgesamt 3250 Milligramm des Wirkstoffs Diclofenac verabreicht worden sein – sehr populär unter gestressten Profis, pures Gift für geschädigte Nieren. Ist dies nur der Gipfel der medizinisch fragwürdigen Machenschaften der Liga?

Der angesehene Sportmediziner und ehemalige DFB-Arzt Professor Wilfried Kindermann benennt das Problem: „Die Schmerztabletten werden wie Smarties eingeworfen. Oft in einer Selbstmedikation ohne Verantwortung für sich selbst. Das ist in allen Sportarten weit verbreitet.“ Der Schmerzmitteleinsatz ist ausgeufert – ohne Rücksicht auf Verluste.

„Ich habe die Tabletten als junger Spieler immer genommen – ich wollte ja spielen und hatte keine Ahnung, was los ist“, sagte Klasnic, während Ehefrau Patricia die Gewohnheiten noch drastischer beschrieb: „Das gehörte wie Wassertrinken dazu. Hätte ich das gewusst, wäre ich eingeschritten.“ So schnellte der Kreatinin-Wert vor allem durch die Einnahme dieser Mittel alarmierend in die Höhe, ehe die Niere Ende 2006 ganz versagte.

Denn das etwa in Voltaren enthaltene antientzündlich und abschwellend wirkende Diclofenac hat eben auch eine nierenschädigende Nebenwirkung. Schmerzmittel stellen ein Problemfeld dar, das unlängst auch der Weltfußballverband Fifa in einer Studie öffentlich machte: Demnach sind bei der WM 2002 und 2006 die Teamärzte über die „nicht verschreibungspflichtigen Supplemente“ wie Vitamine, Proteine, Nahrungsergänzungs- und eben auch Schmerzmittel befragt worden. Das Ergebnis war erschütternd: Jeder zehnte Spieler nahm Schmerzmittel vor jedem Match, 20 Prozent bei zwei von drei WM-Spielen, die Hälfte mindestens einmal während des Turniers. „Die schlucken Voltaren und Aspirin in ungeheuren Mengen, auch ohne medizinische Indikation. Das macht uns Sorgen“, klagt Professor Toni Graf-Baumann, Mitglied der medizinischen Kommission der Fifa.

Der Fall Klasnic, so scheint es, hat gerade erst begonnen.

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