Werder Bremen : Handfeste Argumente

Eigentlich ist Werder Bremens Trainingsgelände ein Hort familiärer Atmosphäre. Am Donnerstag aber war es die Bühne für einen Boxkampf. Im Trainingsspielchen gab es Hiebe, Tritte und einen Faustschlag von Sanogo ins Gesicht des Brasilianers Carlos Alberto zu sehen.

Frank Hellmann[Bremen]

Nur weil Torwarttrainer Michael Kraft und der junge Kolumbianer John Jairo Mosquera dazwischengingen, sei Schlimmeres verhindert worden, sagen Fotografen. Der Vorfall habe sich an diesem nasskalten Novembernachmittag aus heiterem Himmel ereignet. Es war ein Boxkampf mit Folgen.

Boubacar Sanogo und Carlos Alberto sind nach ihrer handfesten Prügelei von Trainer Thomas Schaaf für das heutige Bundesligaspiel bei Energie Cottbus aus dem Kader gestrichen worden. Der Vorfall verursachte im beschaulichen Bremen große Aufregung, denn allein die Bilder dokumentieren, dass es Vergleichbares bei Werder noch nicht gegeben hat. Und das so kurz vor dem Champions-League-Schlager gegen Real Madrid.

Nach Aussage Sanogos habe Alberto zuvor „absichtlich zugetreten“ und mit einer überflüssigen Grätsche seinen lädierten Knöchel getroffen. Alberto ließ über seinen Dolmetscher Roland Martinez ausrichten, dass er nichts sage. Dafür handelte der Chefcoach, schickte den Ivorer und den Brasilianer nacheinander in die Kabine und verbannte beide bis Sonntag vom Training. „Wir treffen diese Maßnahme trotz der durch die Verletzungen angespannten Personallage, da wir ein solches Verhalten nicht akzeptieren können“, sagte er, „wir müssen miteinander klarkommen.“ Zudem müssen beide Spieler eine Geldstrafe zahlen. „Die Spieler haben eine Vorbildfunktion. Wer sich so verhält, muss mit den entsprechenden Konsequenzen rechnen“, sagte Schaaf.

Speziell das Verhalten des 22-jährigen Alberto wird von der sportlichen Leitung überprüft. In Spielerkreisen soll der Egozentriker mit den Rastalocken längst unten durch sein. Schon mehrfach hat der Acht-Millionen-Mann sich den Unmut der Kollegen zugezogen, weil er unnötig hart im Training zu Werke gegangen war. Vor allem junge Spieler waren zuletzt Opfer solcher Unbeherrschtheiten: Alexander Hessel, Martin Harnik, Kevin Schindler und John Jairo Mosquera kennen die Rücksichtslosigkeit jenes Mannes, der mit viel Geld aus Rio de Janeiro nach Bremen gelotst worden war, um für Überraschungsmomente im Offensivspiel zu sorgen.

Doch Unerwartetes bot er nur außerhalb des Platzes: Mal brach Alberto aus rätselhaften Gründen zusammen, dann wurden Schlafstörungen, später Gewichtsprobleme diagnostiziert. Die Integration verläuft so schleppend, dass viele schon vom größten Missverständnis der Vereinsgeschichte sprechen. Gegen den Karlsruher SC gönnte ihm der Trainer immerhin seinen zweiten Kurzeinsatz, jetzt hat sich Alberto wieder selbst ins Abseits befördert. Kurioserweise profitieren davon heute jene, die er jüngst attackierte: Wegen der Suspendierung Sanogos und des Muskelfaserrisses von Hugo Almeida wird sich Schaaf bei der Besetzung des zweiten Angreifers neben Markus Rosenberg zwischen den Nachwuchsstürmern Harnik, Schindler und Mosquera entscheiden.

Neben Ivan Klasnic, der heute erstmals nach seiner Nierentransplantation im Profikader steht, liefert auch der 19-jährige Mosquera Stoff für eine Bremer Gefühlsgeschichte: Am 4. Juli dieses Jahres ist er im Probetraining bei Carl-Zeiss Jena zusammengebrochen und erlitt kurzzeitig einen Herzstillstand. Die Sache war dramatisch, aber mittlerweile ist der Südamerikaner gesund und ein Kandidat für die erste Elf. Er steht bei Trainer Schaaf ziemlich hoch im Kurs – und auf absehbare Zeit wohl höher als ein Carlos Alberto.

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