Werder Bremen : Individuelle Note

Carlos Alberto beschert Werder mehr spielerische Leichtigkeit, ein Stürmer aber fehlt immer noch.

Frank Hellmann[Bad Ragaz]
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Nach einer langen Pause mangelt es Carlos Alberto noch an der Fitness. -Foto: dpa

Bad RagazDer Schritt schleppend, die Augen müde. Carlos Alberto Gomes de Jesus hatte gestern keinen Blick für das Schweizer Bergpanorama. Über den Rasen des Sportplatzes in Bad Ragaz schleppte sich der Brasilianer nur mühsam, wie nach jeder Trainingseinheit waren die anderthalb Kilometer zum Mannschaftshotel noch mit dem Mountainbike zurückzulegen. „Ich spüre meine Beine“, richtete der Mann mit den Rastalocken über seinen Dolmetscher aus. Die 2:3-Niederlage gegen den FC Liverpool vom Vorabend hatte Spuren hinterlassen. Die beste Szene hatte Carlos Alberto nach 40 Minuten, als er den finnischen Abwehrriesen Sami Hyypiä austanzte, den Ball aber am leeren Tor vorbeidrosch. Auffällig war seine exzellente Technik, aber sonst galt für den Brasilianer: viel Leerlauf, wenig Akzente.

„Ich habe mich gut gefühlt“, sagte Carlos Alberto, „mir fehlt noch der Rhythmus.“ Aber nicht nur das: Nach wochenlangem Tauziehen mit seiner umstrittenen Besitzergesellschaft MSI mangelt es an der Fitness. Als der 22-Jährige in einem Bremer Hotel vor zehn Tagen das Ende des Transferpokers herbeisehnte, lief er verzweifelt in den Bürgerpark, um bei einer Schulklasse mitzukicken. Das aber ersetzt nicht eine Saisonvorbereitung mitsamt Trainingslager. Wenn der SV Werder am Samstag im Ligapokal auf den FC Bayern München trifft (18 Uhr, live in Sat1), wird Carlos Alberto wohl erneut im rechten offensiven Mittelfeld auflaufen. „Er hat sich gut eingebracht“, sagte Bremens Trainer Thomas Schaaf, der bemüht ist, den Brasilianer rasch in das Mannschaftsgefüge einzubinden. Sein Dolmetscher hastet in Bad Ragaz immer wieder aufs Trainingsterrain, um auf Portugiesisch Anweisungen zu erteilen für einen, der als teuerster und umstrittenster Einkauf der Vereinsgeschichte im Fokus steht: Rund acht Millionen Euro hat Werder an Ablöse gezahlt, zudem soll Carlos Alberto 2,5 Million Gehalt pro Jahr erhalten.

Hinzu kommt, dass aus Brasilien neue Vorwürfe auftauchen: Es geht um Bestechung, Steuerhinterziehung und abgehörte Telefonate – Carlos Alberto soll 160 000 Dollar kassiert haben, einen Teil davon unversteuert. Die Gegenleistung ist unklar. Tatsache ist: MSI hat 2004 den Verein Corinthians aufgekauft und Transferrechte an Spielern erhalten, darunter eben auch die an Carlos Alberto, der im vergangenen Jahr von Corinthians an Fluminense ausgeliehen war. Werders Sportchef Klaus Allofs hält die Geschichte für hanebüchen: Man müsse vorsichtig sein mit solchen Anschuldigungen. „Unglaublich!“, schimpft Carlos Alberto, „ich habe nur Fußball gespielt und nichts gemacht.“

Immerhin: Der fünffache Nationalspieler wirkt aufgeschlossen und extrovertiert. „Ein offener, fröhlicher Typ“, sagt Kapitän Frank Baumann. Klaus Allofs prophezeit: „Er wird dafür sorgen, dass wir konkurrenzfähig bleiben, aber er muss den Ball nicht auf der Nase tanzen lassen.“ Werders Sportdirektor erwartet eine individuelle Note, aber keine Wunderdinge.

Allzu forsch will sich Allofs auch deshalb nicht äußern, weil der Nachfolger für Miroslav Klose weiterhin auf sich warten lässt. „Wir werden nichts Unvernünftiges machen. Ein echter Klose-Ersatz würde 15 bis 20 Millionen kosten. Das können wir uns nicht erlauben.“ Während der finanziell gesegnete FC Liverpool neben dem früheren Leverkusener Andrej Woronin, der im Test gegen Werder zwei Tore erzielte, noch Ryan Babel (Amsterdam, 17 Millionen Euro) und Fernando Torres (Atletico Madrid, 36 Millionen) verpflichtet hat und ohnehin Peter Crouch und Dirk Kuyt unter Vertrag hat, freut sich Werder, wenn Nachwuchsstürmer Kevin Schindler ein Tor erzielt.

Angesichts der Ungewissheiten weigert sich Allofs hartnäckig, ein Bremer Saisonziel zu benennen. Das Lob von Liverpools Trainer Rafael Benitez, der prophezeite, man werde Werder im Champions-League-Finale wiedersehen, wirkte unter den aktuellen Umständen jedenfalls wie pure Ironie.

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