Sport : Werder Deutschland

Was die Nationalelf gezeigt hat, gibt es in Bremen schon lange: offensiven Fußball als Philosophie

Steffen Hudemann[Bremen]

So etwas hätte es früher nicht gegeben. Es ist Freitagvormittag, die Spieler von Werder Bremen sind nach einem Waldlauf in ihre Kabine zurückgekehrt und draußen, mitten in der Schar von Autogrammjägern, steht eine Familie aus Oberbayern. Der Vater trägt einen Rucksack mit FC-Bayern-Emblem, auch der Sohn ist mit seiner rot-weißen Kappe unschwer als Anhänger des Rekordmeisters zu erkennen. Doch der Junge trägt auch ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Auf diese Weise ist er auch ein klein wenig Fan von Werder Bremen geworden, dem Verein, bei dem viele Spieler zu Hause sind, denen er vier Wochen lang zugejubelt hat: Miroslav Klose, Torsten Frings, Tim Borowski und bald wohl auch Per Mertesacker. Leider sind die WM-Helden noch im Urlaub, weshalb die Fans mit Autogrammen von Klaus Allofs und Patrick Owomoyela vorlieb nehmen müssen, einem ehemaligen Nationalspieler und einem, der es wieder werden will.

Allofs muss über die neuen Sympathien aus Bayern schmunzeln. Doch es ist dem Sportdirektor anzusehen, dass er stolz ist auf den Imagegewinn, den sein Klub aus der Weltmeisterschaft gezogen hat. Die deutsche Nationalmannschaft hat die Fußballwelt mit spektakulärem Offensivspiel begeistert. Jetzt soll die Bundesliga den Trend zum angriffsfreudigen Spiel im Alltag fortsetzen. Werder Bremen tut dies schon seit einiger Zeit. Die Mannschaft ist mit diesem Spaßfußball 2004 Deutscher Meister geworden. Zur Erinnerung: Es war das Jahr, in dem die Nationalelf bei der EM in der Vorrunde ausschied, unter anderem, weil sie nicht in der Lage war, ein Tor gegen Lettland zu erzielen. Werder hat die Spielphilosophie konsequent ausgebaut, mehrere Debatten über die zu löchrige Abwehr hinter sich gebracht, in zwei der vergangenen drei Bundesliga-Spielzeiten die meisten Tore erzielt und beinahe Juventus Turin und damit die halbe italienische Nationalelf aus der Champions League geworfen. Man kann sagen, dass Werder Bremen das, was die Spieler von Jürgen Klinsmann während der WM im Schnelldurchlauf geleistet haben, schon aus den vergangenen Jahren kennt. Als Klinsmann während der WM über die Bundesligaklubs sprach, in denen er seine Spielideen verwirklicht sieht, nannte er deshalb nicht Bayern, sondern Mainz, Hamburg und Bremen.

Dennoch sieht Klaus Allofs seinen Verein nicht als Avantgarde für die Nationalelf. „Wir haben uns nie in dieser Rolle gesehen. Wir haben eine bestimmte Philosophie, die wir weiterführen werden, unabhängig von der Nationalmannschaft.“ Auch Owomoyela, der beides kennt, die Trainingsarbeit in Bremen und die des Nationalteams, sagt zwar, dass es natürlich Parallelen gebe, „weil wir einen ähnlichen Fußball spielen und viele Nationalspieler haben. Aber ich glaube nicht, dass hier bewusst Verknüpfungen gemacht werden.“

Tatsächlich ist die tägliche Trainingsarbeit bei einem Bundesligaklub nur bedingt mit der eines Auswahlteams vergleichbar. „Bei der WM geht es darum, die Mannschaft in drei oder vier Wochen für ein Turnier fit zu machen“, sagt Werders Kotrainer Wolfgang Rolff. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Spieler eine ganze Saison durchhalten.“ Bei zwei Pflichtspielen pro Woche ist eine intensive Trainingsarbeit gar nicht mehr möglich.

Bei Werder teilen sich Cheftrainer Thomas Schaaf sowie die Kotrainer Rolff und Matthias Hönerbach die Trainingsarbeit. Ein externer Psychologe steht den Spielern ständig zur Verfügung, begleitet die Mannschaft aber nicht zu jedem Spiel. Zusätzlich kümmert sich der Diplom-Psychologe und ehemalige Werder-Profi Uwe Harttgen hauptamtlich um die Sorgen der Nachwuchsspieler. Wie die anderen Bundesligisten beschäftigt Werder ein Netz von Scouts, die in aller Welt nach neuen Talenten und taktischen Trends Ausschau halten. Zwar hätten die Nationalspieler auch schon mal Anregungen aus der Nationalmannschaft mitgebracht, sagt Rolff. Vieles sei aber schon lange fester Bestandteil der Trainingsarbeit. Zum Beispiel die Gummibänder, die so viel Aufsehen erregten, als sie bei der Nationalmannschaft eingesetzt wurden. Sie gehören als gutes, altes Deuser-Band in jedes Zirkeltraining.

Am Offensivgeist wird Werder festhalten. Der spektakuläre Fußball gehört für Schaaf und Allofs zur Philosophie und ist auch Teil des Erfolgs. So hat sich Werders Mitgliederzahl in wenigen Jahren mehr als verzehnfacht, und der Klub denkt über einen Stadionausbau nach, weil die 41 000 Plätze ständig ausverkauft sind. Die WM hat für Allofs in dieser Hinsicht deshalb keine neuen Erkenntnisse gebracht. Viel interessanter findet er die Entwicklung der Position vor der Abwehr. Diese erlange im modernen Fußball immer größere Bedeutung. Der Spieler, der diese Position derzeit in Deutschland am besten ausfüllen kann, ist Torsten Frings. Er spielt übrigens bei Werder Bremen.

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