Werder nach Diego : Bremer Probleme im Quadrat

Werder Bremen scheint Diego ersetzen zu können – doch defensiv stimmt es nicht.

Frank Hellmann[Bremen]
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Auf dem Boden der Tatsachen. Die Frankfurter jubeln, der Bremer Sanogo trauert. Foto: dpadpa

Vielleicht sollten sich die Profis von Werder Bremen ein Beispiel an den Bauarbeitern nehmen, die derzeit im Weserstadion werkeln. Auf jede Minute und jeden Handgriff kommt es beim Umbau der Westkurve an, schon beim nächsten Heimspiel sollen ja nicht 1800, sondern doppelt so viele Gästefans kommen können. Eine eingespielte Mannschaft sei da bei ihrem Handwerk zu beobachten, lobte die Geschäftsführung des Bundesligisten die Bauarbeiter kürzlich. Was von den luxuriös entlohnten Fußballern nicht gerade zu behaupten ist. Ein unfertiges Ensemble, schlecht eingespielt, kaum abgesichert, quittierte nach der verdienten 2:3 (2:2)-Heimniederlage gegen die forsche Frankfurter Eintracht gellende Pfiffe.

Tim Wiese, auf der Baustelle oft allein gelassen, moserte jedenfalls: „Das war eines der schlechtesten Spiele, seitdem ich bei Werder bin.“ Immerhin seit 2005. „Unentschuldbar“ empfand der Torwart die Pleite, die auch deshalb fatal ist, weil es für die Bremer am nächsten Samstag zum FC Bayern geht und nach den ersten beiden Spieltagen ein punktloser Fehlstart droht. Die Probleme des Pokalsiegers sind diffizil und haben natürlich einiges mit dem Abgang von Diego zu tun.

Es ist weniger so, dass der Brasilianer nicht zu ersetzen wäre, wenn Mesut Özil sich weiter so rasant entwickelt und so auftrumpft wie eine Stunde lang gegen die Frankfurter. Doch die vollzogene Systemumstellung, das Mittelfeld zugunsten der Dribbler Özil und Marko Marin quadrat- statt rautenförmig anzuordnen, führt zu noch mehr Dysbalancen im Defensivkonstrukt, wenn beide nur halbherzig den Rückwärtsgang einlegen. Und Rückkehrer Tim Borowski einfach die Nummer sechs auf den Rücken zu packen und zu glauben, der lethargische und in München nicht grundlos aussortierte blonde Schlaks sei ein defensiver Mittelfeldstratege, könnte ein fataler Irrtum sein. Wie der 29-Jährige beim 1:2 nur gestenreich die Arme hob, statt mit den Füßen energisch einzugreifen, war genauso ein Symbolbild grün-weißer Hilflosigkeit wie der Platzverweis des wieder einmal völlig überforderten Sebastian Prödl.

„Wir müssen in der Defensive aktiver sein. Das gilt für die gesamte Mannschaft“, konstatierte Trainer Thomas Schaaf. „Wenn es hinten brennt, geht es meist vorne schon los.“ Der Fußballlehrer wiederholte seine Forderungen der letzten Monate: Mehr Stabilität, mehr Ordnung, mehr Disziplin stand vor dieser Spielzeit auf Werders Wunschliste – nicht nur bei den Gegentoren von Ioannis Amanatidis vor der Pause und Martin Fenin 20 Minuten vor dem Abpfiff waren all diese Vorsätze konterkariert worden.

Nun muss sich der designierte Vorstandsboss Klaus Allofs fragen, wo er als Baumeister bis zum Abschluss der Transferperiode noch korrigierend eingreifen kann. Das vom FC Chelsea, Claudio Pizarro und seinem Berater Carlos Delgado geforderte Paket von annähernd 20 Millionen Euro an Ablöse, Gehalt und Handgeld für einen Stürmer zu zahlen, der nach Vertragsablauf 33 oder 34 Jahre alt wäre, widerspricht hanseatischen Geschäftsgrundsätzen. Und wäre es nicht eigentlich nach dem Eindruck des Eintracht-Spiels nicht sinnvoller, das Geld für einen jungen, entwicklungsfähigen defensiven Mittelfeldspielers internationalen Zuschnitts auszugeben?

Was Allofs über das in die Jahre gekommene Duo Frings und Borowski sagte, hörte sich nicht gerade schmeichelhaft an: „Wir glauben, dass wir offensiv gute Lösungen haben, dahinter müssen wir stabiler werden.“ Die Systemumstellung werde „überbewertet“. Allofs: „Es hängt davon ab, was die Spieler daraus machen.“ Das war am Sonnabend allerdings wenig bis gar nichts. Viel weniger als die Bauarbeiter, die im Weserstadion schon wieder weiterschuften.

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