Werder-Trainer Viktor Skripnik : „Geld schießt keine Tore - das ist vorbei“

Am Freitagabend startet die Bundesliga. Bremens Trainer Viktor Skripnik spricht im Interview über die Partie gegen Bayern, Kritik an seiner Person und Stilfragen.

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Trainer von SV Werder Bremen, Viktor Skripnik.
Trainer von SV Werder Bremen, Viktor Skripnik.Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Viktor Skripnik, Sie müssen heute zum Bundesliga-Auftakt als Außenseiter beim FC Bayern antreten. Denken Sie nicht wehmütig an Ihre aktive Spielerzeit zurück, als Werder die Bayern noch regelmäßig ärgern konnte?

Der Fußball hat sich weiterentwickelt. Sportlich und auch wirtschaftlich. Der Spruch, Geld schießt keine Tore, das ist vorbei. Aber ich habe kein Problem damit, dass ist alles legitim. Carlo Ancelotti hat mit seinem Kader genau den gleichen Druck wie jeder andere Trainer. Nur die Erwartungen sind andere.

Denken Sie das wirklich? Sie gelten nach dem Pokalaus beim Drittligisten Lotte als einer der ersten Bundesliga-Trainer, die diese Saison für eine Entlassung infrage kommen.

Als Trainer darf man das nicht zu sehr an sich heranlassen. Das Geschäft funktioniert nun mal so. Selbst Pep Guardiola stand immer wieder in der Kritik – nach drei Meisterschaften in drei Jahren.

Ist es tatsächlich so einfach, alles abzuschütteln?

Nein, aber es hilft, authentisch zu bleiben... Wenn du merkst, dir gefällt etwas nicht, musst du das sagen. Ich bin auch emotional. Von außen sieht es bei mir meist ruhig aus, aber in mir brennt es.

Wie gehen Sie mit der Kritik an Ihnen persönlich um?

Mit sachlicher Kritik bin ich bereit, mich auseinanderzusetzen. Das bringt jeden weiter. Aber direkt nach dem Spiel, da wird oft alles schwarz oder weiß gesehen. Das ist mir zu einfach.

Vergangene Saison steckten Sie mit Werder fast 34 Spieltage lang im Abstiegskampf. Wie hoch ist da die mentale Belastung als Trainer?

Das kommt darauf an, wie man mit der Situation umgeht. Wenn man anfängt, hektisch zu werden und gegen die eigentlichen Überzeugungen entscheidet, ist ein kritischer Punkt erreicht. Gerade in schwierigen Momenten muss man einen kühlen Kopf bewahren. Sachlich bleiben. Tatsächlich sind es oft nur kleine Dinge, die man korrigieren muss und nicht gleich alles infrage stellen.

Wie viel steckt von der letzten Saison noch in den Köpfen?

Natürlich ist die letzte Saison noch nicht komplett vergessen, das ist normal. Wir haben in der Sommerpause vieles aufgearbeitet. Warum sollen wir weinen? Wir haben unser Ziel erreicht und sind nicht abgestiegen. Nun konzentrieren wir uns ausschließlich auf die Zukunft.

Nationalspieler Max Kruse ist gekommen, aber Torjäger Anthony Ujah und Abwehrchef Jannik Vestergaard gingen. Ist es für Sie als Trainer nicht ermüdend, immer wieder die besten Spieler verkaufen zu müssen?

Das ist die Geschichte unseres Vereins. Jeder Trainer von Werder musste damit fertig werden. Andreas Herzog, Diego, Mesut Özil – sie alle haben Werder verlassen. Und trotzdem ging es immer weiter. So wird es auch in Zukunft sein.

Klingt, als hätten Sie längst ein nordisches Gemüt.

Gelassenheit kommt von ganz allein, wenn man selber Spieler war. Ich hab in Bremen beinahe jede Situation erlebt, die es im Fußball gibt. Meisterschaften, Champions League, Abstiegskampf. Irgendwann relativiert sich alles.

Glauben Sie, es ist für einen Trainer von Vorteil, selbst Profi gewesen zu sein?

Du weißt auf jeden Fall, wie ein Spieler tickt. Mit Frank Baumann und Torsten Frings können wir uns gut in die Jungs hineinversetzen. Ja, ich denke, das hilft.

Welcher Trainer hat Sie während Ihrer Karriere am meisten geprägt?

Ich hatte Glück und habe mit so vielen guten Trainern gearbeitet. Mit Thomas Schaaf waren wir am erfolgreichsten, aber auch über Felix Magath kann ich nichts Schlechtes sagen. Bei ihm war ich topfit, da hätte ich nach dem Spiel noch ein Spiel machen können.

Bei Bayern trägt Carlo Ancelotti bei Spielen wie Vorgänger Pep Guardiola oft einen Maßanzug. Imagepflege wird für Trainer auch zu Vermarktungszwecken immer wichtiger. Haben Sie einen Stilberater?

Ja, meine Frau (lacht). Aber nur privat. Da trage ich auch Anzüge. Beim Spiel finde ich das nicht passend. Wenn ich auf die Tribüne schaue und mir unsere Fans ansehe, wer trägt da Anzug und Krawatte? Ich finde, man muss sich nicht künstlich abheben. Würde ich das machen, wäre ich nicht mehr Viktor Skripnik. Einen Stil- oder Imageberater brauche ich nicht.

Sie haben Werder vor über zwei Jahren ohne Trainererfahrung im Profibereich übernommen. Hatten Sie nie Zweifel, dass dieser Schritt vielleicht zu früh kommt?

Ich bin ins kalte Wasser geworfen worden und hatte gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Wir haben dann gleich eine Serie gestartet, hatten dabei auch ein wenig Glück. Das Glück, das uns letzte Saison in einigen Situationen gefehlt hat.

Können Sie sich vorstellen, bei einem anderen Klub zu arbeiten?

Warum soll ich mir darüber Gedanken machen? Jetzt spielt das keine Rolle. Ich bin jetzt 20 Jahre in Deutschland und alle davon in Bremen. Ich habe mich hier immer wohlgefühlt. Das ist ein großes Glück.

Das Gespräch führte Sebastian Stier.

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