Sport : Werders wundersame Wandlung

Nach dem Sieg über Schalke: Wird Bremen heimlich Champions-League-Kandidat?

Frank Hellmann

Bremen. Die Demonstration des Bremer Selbstbewusstseins zelebrierte Andreas Reinke in der 50. Minute: Da nahm der neue Torwart des SV Werder lässig den Ball an, jonglierte ihn auf dem Fuß, um das Spielgerät weit nach vorn zu schlagen. Es folgte ein verunglückter Schalker Rückpass, sogleich rutschte Reinkes Torwart-Kollege Frank Rost mitsamt dem Ball hinter die Torauslinie. Ecke für Werder, Gelächter im Weserstadion. Es war die Symbolszene des Spiels: Bremen machte Gelsenkirchen lächerlich und beim 4:1 einen Klassenunterschied deutlich.

Zerknirscht gestand der Ex-Bremer Rost später ein: „Wir waren doch hier nur Statisten.“ Als kurz vor 17 Uhr die Stadionregie die Blitztabelle einblendete, wurde den 34 500 Augenzeugen die Tragweite klar: Platz eins stand. Zum ersten Mal seit acht Jahren. Und sofort stimmte die Anhängerschar ein „Deutscher Meister wird nur der SVW“ an.

Solche Töne sind Trainer Thomas Schaaf gar nicht recht. Seine kurze Analyse: „Das ließ sich gut ansehen.“ Sein mahnender Einwand: „Mit ist ein bisschen zu viel Euphorie drum herum.“ Klaus Allofs, gemeinsam mit Schaaf der Baumeister des Bremer Ensembles, ist da ganz anderer Meinung. „Ich sehe unseren Erfolg zu wenig gewürdigt“, mäkelte der Sportdirektor. „Wir müssen die Stadt Bremen und das Umfeld erst aufwecken.“ Allofs erwartet auch für sein Wirken mehr Anerkennung. Ist der Spitzenplatz doch auch das Produkt einer nicht unumstrittenen Transferpolitik: Ob der beim VfB Stuttgart gescheiterte Krisztian Lisztes, der launische Johan Micoud oder der einst als Bundesliga-untauglich gegeißelte Andreas Reinke. Allofs hat stets Spieler geholt, die anderswo als Problemfall galten und an der Weser sofort zu festen Größen gereift sind.

Mitunter bringt das auch Probleme. Die avisierten Vertragsverlängerungen mit Mladen Kristajic und Torjäger Ailton – beide sollen bis 2007 bleiben – werden in Bremen entgegen dem Branchen-Trend nur mit einer Aufstockung der Bezüge gelingen. „Wir haben mittlerweile ein hohes Gehaltsniveau erreicht“, warnt Vorstandsboss Jürgen L. Born, „und die Uefa-Cup-Qualifikation hat die Mannschaft gegen Pasching leichtfertig hergeschenkt.“

Born ist der, bei dem Allofs vor der Saison Überzeugungsarbeit leisten musste, wirtschaftlich weiterhin ins Risiko zu gehen. Es herrschte lange Uneinigkeit, ob und wie die Bremer investieren würden. Heraus kamen neben dem ablösefrei aus Murcia geholten Reinke noch zwei Leihgeschäfte: Ümit Davala von Galatasaray Istanbul und Valerien Ismael von Racing Straßburg. Beide haben auf Anhieb so gut eingeschlagen, dass die Bremer schon bald über die vereinbarte Kaufoption nachdenken werden. „Reinke, Davala und Ismael bringen Selbstbewusstsein, Ruhe und Abgeklärtheit in die Mannschaft,“, findet Allofs.

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