Sport : Werteverlust beim Hamburger SV

Karsten Doneck

Hamburg - Oben links auf dem weißen Zettel, DIN-A-4-Format, ist die Meisterschale abgebildet. Daneben stehen die sieben Jahreszahlen, in denen sich der Hamburger SV diese Trophäe gesichert hat. Darunter folgen viele Daten. Thomas Doll, der HSV-Trainer, hat nach der 2:4 (1:1)-Niederlage gegen Borussia Dortmund einen kurzen Blick auf den bereits kurz nach Spielschluss fertigen Statistikzettel geworfen. An einem Punkt geriet er fast in Verzweiflung. „Das darf nicht sein“, fluchte Doll, als er die Zweikampfwerte seiner Mannschaft sah. Nur 46 Prozent aller Zweikämpfe gewann der HSV gegen Dortmund – und das in einem Heimspiel. „So holst du keinen Blumentopf in der Liga“, schimpfte Doll.

Nun ist der HSV nicht angetreten, um in der Bundesliga Blumentöpfe zu gewinnen. Aber die Meisterschale liegt jetzt bei neun Punkten Rückstand auf Bayern München fast unerreichbar fern, beim Streben nach dem Champions-League- Platz lassen sich Werder Bremen und Schalke 04 einfach nicht abschütteln. Schon gar nicht mit einem so wenig engagierten Zweikampfverhalten wie gegen die klug kombinierenden Dortmunder. Schon bei der 0:2-Heimniederlage vor vier Wochen gegen den VfB Stuttgart war das Dilemma offenkundig. Da hatte die Statistik den HSV mit nur 42 Prozent gewonnener Zweikämpfe ausgewiesen.

Fehlt den Hamburgern möglicherweise im letzten Teil der Saison die Kraft? Wie im Vorjahr. Da hatte Thomas Doll den HSV vom letzten Tabellenrang allmählich an die Champions-League- Plätze herangeführt, doch dann gab es aus den letzten vier Spielen nur einen einzigen Punkt: UI-Cup statt Champions League. In dieser Saison hat der HSV in der Hinrunde nur einmal verloren (0:1 gegen Wolfsburg) und in den 17 Spielen nur neun Gegentore kassiert. Von den bisher neun Spielen der Rückrunde haben die Hamburger jetzt bereits drei verloren und weitere neun Gegentore sind hinzugekommen.

Es stimmt nicht beim HSV: hinten und vorne. „Wir haben nach 30 Minuten die erste Torchance – durch einen Fernschuss. Das ist zu wenig bei einem Heimspiel“, klagte Doll nach der Partie gegen Dortmund. Fuchsteufelswild wurde der HSV-Trainer, als die Rede auf das Gegentor zum 2:2 kam, das nur rund 30 Sekunden nach Ailtons Tor zur HSV-Führung gefallen war. „Das geht überhaupt nicht“, polterte Doll. „Da sind wir nicht Lage, gleich wieder kompakt zu stehen und holen damit den Gegner zurück ins Leben.“

Bei derlei Ärger mag sich Thomas Doll mit der Konkurrenz momentan gar nicht befassen. Bayern, Bremen, Schalke? Doll brummelt: „Wir müssen erstmal unsere Hausaufgaben machen.“ Und er meinte wohl: Zweikämpfe üben – und das nicht nur für die Statistik.

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