Sport : Wertvoller als Deisler

Für Raffael erhält Hertha BSC die höchste Ablöse der Vereinsgeschichte.

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Mit Koffer nach Kiew. Raffael bei seiner Abreise auf dem Wiener Flughafen. Foto: Koch
Mit Koffer nach Kiew. Raffael bei seiner Abreise auf dem Wiener Flughafen. Foto: KochFoto: Matthias Koch

Am Donnerstagvormittag hielt der Mannschaftsbus des Fußball-Zweitligisten Hertha BSC wie immer in den vergangenen Tagen vor dem Sportgelände des SV Stegersbach. Im Trainingscamp in Österreich kamen der Kolumbianer Adrian Ramos und der Brasilianer Ronny traditionell als letzte aus dem Spieler-Transporter. Ronny wirkte nachdenklicher als sonst. Vermutlich lag es daran, dass sein Bruder Raffael nicht mehr dabei war.

Der saß zu diesem Zeitpunkt bereits im Flugzeug nach Kiew, um vor der Unterschrift unter einen Vierjahresvertrag beim ukrainischen Vizemeister Dynamo Kiew den Medizincheck absolvieren zu können.

Raffael hatte sich am Mittwochnachmittag von seinen Teamkollegen im Trainingslager-Hotel in Stegersbach verabschiedet, die ihren freien Nachmittag beim Paintball verbrachten. An der mannschaftsbildenden Maßnahme nahm Raffael nicht mehr teil, wahrscheinlich, um bloß keine Verletzung zu riskieren. Aus den gleichen Gründen fehlte der 27-jährige Mittelfeldspieler in den drei jüngsten Testspielen. „Ich werde ihn vermissen. Es gibt nicht so viele überragende Fußballer wie ihn“, sagte Verteidiger Lewan Kobiaschwili.

In Wien traf Raffael am Mittwochabend auf seinen Berater Dino Lamberti. Nach einer Nacht im Flughafenhotel trafen Raffael und Lamberti kurz nach sechs Uhr am Donnerstagmorgen auf dem Wiener Flughafen ein, um in der Businessklasse einzuchecken. „Die Verhandlungen haben lange gedauert, aber es ist noch nichts vollbracht. Wir müssen noch die medizinischen Tests machen“, sagte Lamberti. „Mündlich sind wir uns mit Kiew einig. Aber das muss noch alles aufs Papier.“ Wegen eines technischen Defekts fiel der geplante Flieger um 7.10 Uhr aus. Die nächste Maschine brachte das Duo aber in die ukrainische Hauptstadt.

Bei Hertha gab es trotz des endlich vor der Vollendung stehenden Geschäfts keine Jubelstürme. „Ich bin nicht erleichtert. Er war ein fantastischer Spieler“, sagte Trainer Jos Luhukay. „Aber ich hatte mich vom ersten Tag damit abgefunden, dass er den Verein verlassen wird.“

Dabei wird Hertha durch den Verkauf von Raffael, der seit Januar 2008 für die Berliner 110 Erstligaspiele mit 23 Toren und 30 Zweitliga-Begegnungen mit zehn Treffern bestritt, die höchste Ablösesumme der 120-jährigen Vereinsgeschichte erhalten. Sie soll auf zehn Millionen Euro fixiert sein. Zudem kann es eine erfolgsabhängige Prämie von bis zu drei Millionen Euro geben. Bislang kassierte Hertha durch den Wechsel von Sebastian Deisler zu Bayern München im Sommer 2002 mit geschätzten 9,2 Millionen Euro die größte Einnahme.

Auch für Raffael hat sich der Absprung gelohnt, wenngleich er lieber in die sportlich attraktivere Bundesliga, etwa nach Hamburg oder Mönchengladbach, gewechselt wäre. Er dürfte rund vier Millionen Euro pro Jahr verdienen. Mit Prämien kann er bis 2016 20 Millionen Euro kassieren. Berater Lamberti wird bei solchen Zahlen nicht schwindlig. 2011 soll der SSC Neapel für den Schweizer Nationalspieler Gökhan Inler 17,7 Millionen Euro an Udinese Calcio überwiesen haben. Auch Inler lässt sich von Lamberti beraten. „Raffael ist nicht mein Königstransfer. Aber es ist auch für mich ein sehr wichtiger“, sagte Lamberti.

Mit dem Wechsel nach Kiew hatte sich Raffael schon in den vergangenen Wochen gedanklich beschäftigt. „Ich hatte gute und schlechte Zeiten in Berlin. Aber die Stadt war gut für meine Familie und mich“, sagte Raffael. „In Kiew spielen vier Brasilianer. Ich kenne die Spieler nicht persönlich, aber so fällt es leichter, Anschluss zu finden.“

Seinen ersten Einsatz für Kiew könnte Raffael bereits am kommenden Dienstag im Heimspiel der 3. Qualifikationsrunde der Champions League gegen Feyenoord Rotterdam haben. Die Meldefrist lief am Donnerstagabend ab. In Berlin gibt es nun keinen ähnlichen Spielertypen wie Raffael mehr, der 2008 für 4,3 Millionen Euro vom FC Zürich kam. „Wenn wir eine 4-4-2-Taktik spielen, haben wir keinen, der ihn ersetzen wird“, sagte Luhukay. Die drei Neuzugänge Sami Allagui, Sandro Wagner und Ben Sahar wurden aber auch geholt, um für den Abgang von Raffael vorbereitet zu sein.

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