Sport : West-Berliner Nostalgie

Claus Vetter

Heute fällt auf dem Eis der Deutschlandhalle der Vorhang für eine Posse, die nur noch Menschen mit ausgeprägtem Hang zu unfreiwilliger Komik begeistern kann: Die Capitals bestreiten ihr letztes Heimspiel in dieser Saison der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Und ausgerechnet der zweite Skandalklub der DEL wirkt am letzten sportlichen Akt in Eichkamp mit. Zu Gast beim Tabellenletzten ist der Vorletzte Moskitos Essen (Spielbeginn 19.30 Uhr), dem wie den Berlinern der Lizenzentzug droht.

In Essen ist die Insolvenz schon eröffnet, in Berlin droht nun Gleiches. Am Montag wird die DEL auf ihrer Gesellschaftertagung über die Zukunft der Klubs entscheiden. "Sobald ein Insolvenzverfahren eröffnet wird, ist das ein Grund für den Lizenzentzug", sagt DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke. Dass die Abstiegsrunde der DEL noch ausgespielt wird, gilt als unwahrscheinlich. Tripcke: "Sollte es einen Absteiger aus wirtschaftlichen Gründen geben, machen die Play-downs keinen Sinn."

Doch noch gibt es Unwägbarkeiten. Was wäre, wenn Essen und die Capitals vor Gericht ziehen? "Kann passieren, hat aber nicht wahnsinnig große Erfolgsaussichten", sagt Tripcke. Und wenn das Insolvenzverfahren bei den Capitals Montag noch nicht eröffnet ist? "Dann verzögert sich das Prozedere um ein paar Tage. Aber es läuft ja auch noch eine Sonderprüfung gegen die Capitals wegen Lizenzerschleichung. Das wäre auch ein Ausschlussgrund."

Vergangenen Sommer hatte der Hauptgesellschafter der Capitals mit einem Kraftakt verhindert, dass sein Klub die DEL verlassen musste. Rund elf Millionen Mark hat Egon Banghard damals in den Verein gepumpt. Eine lohnende Investition war es nicht. Seit der Gründung des Vorgängervereins BSC Preussen im Jahre 1983 hatten die Berliner davon geträumt, in der Deutschlandhalle spielen zu dürfen. Als sie das im vergangenen Sommer durften, interessierte der sportliche Teil immer weniger. Immer neue Verantwortliche gaben sich bei den Capitals die Klinke in die Hand, besser wurde es nicht. Als im Januar herauskam, dass die Capitals ihren Gehaltszahlungen nicht pünktlich nachkamen, ging es auch mit der Mannschaft nach unten.

Noch immer gibt es vage Hoffnungen. Eine Unternehmensgruppe ist am Kauf der GmbH interessiert, doch Banghard ziert sich, seine 97 Prozent Anteile am Klub abzugeben. Die Liste der Argumente, nicht bei den Capitals einzusteigen, ist erschreckend lang. Hohe Schulden, nebulöse Strukturen im Klub, schwindende Zuschauerzahlen, Imageschädigung des deutschen Eishockeys, vergraulte Sponsoren und dazu ein schlechter Ruf bei den Spielern - für all das stehen die Capitals inzwischen. Deshalb könnte der lange Abschied auf Raten nun sein Ende finden. Was aber nicht heißt, dass in der Deutschlandhalle nicht weiter Eishockey gespielt wird. Pläne, mit der zweiten Mannschaft, den "Young Capitals", einen Neuanfang zu wagen, existieren seit langem.

So richtig froh stimmt die Aussicht auf viertklassiges Regionalliga-Eishockey jedoch nicht. Schließlich ist mit den Preussen und Capitals ein langes und erfolgreiches Kapitel (West-) Berliner Sportgeschichte verbunden: Zu Zeiten, als Hertha BSC in die Drittklassigkeit abgerutscht war, hatten die Preussen in Berlin die meisten Zuschauer. Und wer erinnert sich an jene Tage, als in der überfüllten Eissporthalle an der Jafféstraße ein John Chabot oder ein Georg Holzmann die Gegner durcheinander wirbelte? "Vielleicht erstrahlt in fünf Jahren bei den Capitals alles in neuem Glanz", sagt Tripcke. Eine Aussage, die den Eishockey-Fan vor dem letzten Heimspiel der Capitals ebenso wenig trösten dürfte wie der nostalgische Ausflug in glanzvolle Zeiten der Preussen.

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