Wettbetrug : Gefahr aus Fernost

Buchautor Declan Hill warnt vor der asiatischen Wettmafia, die auch hochklassige Fußballspiele manipulieren soll. Vieles kann er aber nicht beweisen.

Frank Bachner
Reuter
Verschoben? Torsten Reuter aus Kaiserslautern und Hannovers Thomas Brdaric in der Begegnung am 26. November 2005. -Foto: dpa

Berlin - Declan Hill gibt sich die größte Mühe. Aber er schafft es nicht immer, so betroffen zu blicken wie es seinen Sätzen angemessen wäre. Das liegt an den Sätzen, die sind an Dramatik kaum zu überbieten. „Der faire Sport ist in ernster, ernster, ernster Gefahr“, verkündet der kanadische Enthüllungsjournalist. Und: „Meine Story erscheint zu schrecklich, um wahr zu sein.“ Und dann sagt Hill noch: „Es klingt alles so surreal.“

Es klingt vor allem sehr deutlich: Der Sport, der Fußball im Besonderen, ist in der Hand von asiatischen Wettpaten. Die Gefahr, dass Spiele – von der WM-Partie bis zum Jugendspiel in der Provinz – verschoben werden, ist riesengroß. Das alles schreibt Hill in seinem heute erscheinenden Buch „Sichere Siege“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch), das verkündete er am Montag vor Journalisten.

Allerdings, und darauf legt Hill großen Wert, kann er vieles nicht explizit beweisen. Weder dass das WM-Spiel 2006 zwischen Brasilien und Ghana noch dass das Bundesligaspiel 2005 zwischen Hannover 96 und dem 1. FC Kaiserslautern manipuliert wurde. „Ich habe nur vorab gehört, wie jeweils das Ergebnis aussehen wird.“ Die Vorhersagen trafen zu. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat wegen der Hannover-Partie gestern Kontakt mit der Staatsanwaltschaft aufgenommen (siehe Kasten). Dabei geht es auch um das Zweitligaspiel Karlsruhe gegen Siegen, das unter Manipulationsverdacht steht.

Informiert hatte Hill ein asiatischer Wettpate, den der Autor in seinem Buch „Lee Chin“ nennt. Ein Mann, der angeblich seit 15 Jahren Spiele manipuliert, zu dem Hill irgendwann Kontakt bekommen hatte, und der wohl auch aus Eitelkeit dem Kanadier seine Praktiken erzählte. Jedenfalls vermutet Hill das. „Ich habe ihm das alles nicht geglaubt, das hat wohl seinen Stolz verletzt.“

Hills Thema ist nicht bloß die Bundesliga und verschobene Spiele, er schreibt über die ganze Wettmafia im asiatischen Raum. „Ein Mega-Milliarden-Dollar-Geschäft“, sagt er. Allein in Hongkong seien in einer Saison auf Spiele der englischen Premier League 2,5 Milliarden Dollar gesetzt worden. Ob dabei Spiele manipuliert worden sind, konnte er nicht sagen.

Aber in Bezug auf die WM 2006 und auf Ghanas Nationalmannschaft wird er deutlicher. Lee Chin habe ihm gesagt, die WM-Partie Italien – Ghana sei manipuliert, ghanaische Spieler hätten Geld erhalten. Italien musste demnach mit mindestens zwei Toren Unterschied gewinnen. Ghana verlor nach „schrecklich simplen Fehlern“ (Hill) 0:2. „Bis heute weiß ich nicht genau, ob mit dem Spiel etwas nicht stimmte“, erklärt Hill. Aber sein Gefühl sagt ihm: „Dieses Spiel war manipuliert.“

Lee Chin, der Wettpate, arbeitete nach eigene Angaben gerne mit so genannten Runners, Leuten, die gleichzeitig Kontakt zu Mannschaften und zu ihm als Zocker hätten. Einer dieser Runners sei ein Trainer der ghanaischen U-17-Mannschaft gewesen. Nach Hills Recherchen war es Abukari Damba, der frühere Nationaltorhüter von Ghana. Damba habe er bei einem Treffen mit Lee Chin in Bangkok gesehen, sagt Hill. Damba bestritt gegenüber „Bild“ alle Vorwürfe. „Eine Lüge.“ Er sei noch nie in Bangkok gewesen.

Bislang galt unter vielen Profiwettern die These, dass bei WM-, EM- oder anderen internationalen Spitzenspielen, darunter auch die deutsche Bundesliga, nicht bestochen wird. Zum einen, weil die Profis dort legal Millionen verdienen und zweitens, weil zu viele Menschen und TV-Kameras die Partien verfolgen. Jede ungewöhnliche Aktion werde sofort erkannt und hinterfragt. Aber Hill, der viel über Netzwerke und die Technik von Spielmanipulationen schreibt, lässt diese These zumindest fragwürdig erscheinen.

Declan Hill selbst hat lange braucht, um zu glauben, was er nun verkündet. Als Lee Chin ihm im November 2005 in Bangkok das Ergebnis des Spiels Hannover gegen Kaiserslautern vorgesagt habe, empfand der Kanadier das Interview als „das bizarrste Gespräch, das ich je geführt habe“.

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