Sport : Wetten gegen die Langeweile

In der Formel 1 interessiert nur noch die Frage, ob Michael Schumacher alle 18 Rennen gewinnen kann

Karin Sturm

Barcelona. Michael Schumacher hatte in Barcelona gerade mit defektem Auspuff auch das fünfte Saisonrennen gewonnen, als er gefragt wurde: „Können Sie denn schon mal einen Tipp abgeben, wer Vizeweltmeister wird?“ 13 Rennen stehen noch aus, erst im Oktober endet die Formel-1-Saison mit dem Großen Preis von Brasilien. Doch keiner scheint Michael Schumacher, der in fünf Rennen fünfmal die Konkurrenz düpierte, noch von Platz eins verdrängen zu können. „Ich rede viel lieber über die Situation, wenn auch rein rechnerisch die ganze Sache vorbei ist“, antwortete der Deutsche zwar. Doch die Fakten sprechen gegen die Kollegen und für den siebenten Titel Schumachers, seinen fünften in Folge. „Das lassen sie sich nicht mehr nehmen“, sagt selbst BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen.

Die Frage scheint nicht zu sein, ob, sondern wann es Schumacher gelingen wird, den nächsten WM-Titel zu feiern. Im Juli beim elften Rennen in Frankreich, wo Schumacher 2002 Weltmeister wurde, wohl noch nicht. Zum einen gibt es erstmals 18 statt 16 Saisonrennen. Zum anderen hat sich das Punktesystem geändert: Die ersten acht statt der ersten sechs Fahrer sammeln Punkte, und der Zweite bekommt nur noch zwei statt vier Zähler weniger als der Sieger. Die Konkurrenz hat also mehr Chancen, Schumacher noch einzuholen. Doch in Hockenheim oder wie 2001 in Ungarn, bei Rennen Nummer zwölf oder dreizehn, könnte die Titelverteidigung durchaus gelingen.

Eine andere Frage ist, ob Schumacher es tatsächlich schaffen kann, alle 18 Saisonrennen für sich zu entscheiden. „Ich finde es toll, wenn er jetzt immer weiter gewinnt. Dann schauen die Leute bis zum Schluss ganz gespannt zu und können wetten, ob er es schafft oder nicht“, sagt Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, „auch 16 oder 17 Saisonsiege, das wäre doch ein neuer, toller Rekord.“ Bis jetzt hält Schumacher diesen Rekord auch selbst – mit 11 Siegen im Jahr 2002. Dass Ecclestone versucht, der Schumacher- und Ferrari-Dominanz positive Seiten abzugewinnen, ist klar. Bei ihm, für den der finanzielle Erfolg entscheidend ist, muss die Vorstellung, die Formel 1 könne ein Synonym für Langeweile werden, Erschrecken hervorrufen. Und die Langeweile ist kaum noch wegzudiskutieren. Vor allem dann, wenn die Konkurrenz sich nicht steigert, Reifenhersteller Michelin eingeschlossen. In Barcelona waren die Bridgestone-Reifen, mit denen Ferrari fährt, deutlich überlegen. Die Konkurrenz ist angesichts von Schumachers Dominanz entgeistert, die deutschen Fans sind begeistert: Über zehn Millionen Fernsehzuschauer verfolgten den erneuten Triumph bei RTL, mehr als am Vortag den Titelgewinn von Werder Bremen in der ARD-Sportschau.

Schumacher verfügt über zuverlässige Technik und hat ein Team hinter sich, dem er hundertprozentig vertraut. In Barcelona hatte er obendrein Glück: Mit einem Auspuffdefekt ist ein Ausfall normalerweise nicht zu verhindern – Schumacher hingegen fuhr zum Sieg. Wer solche Situationen meistert, der kann locker in die nächsten Rennen gehen. Schumacher sieht in seiner Lockerheit aber keinen zusätzlichen Erfolgsfaktor. „Ich glaube nicht, dass ich deshalb mehr Leistung bringe. Es ist einfach so, dass das Auto in diesem Jahr einfacher zu fahren ist und wir konstanter 100 Prozent herausholen können“, sagt er. Warum das so sei, verstehe er selbst nicht, „im letzten Jahr haben wir uns da einfach schwer getan. Das ist der entscheidende Unterschied.“

Gewinnt Schumacher auch in zwei Wochen in Monte Carlo, sind neue Superlative fällig: Er würde Ayrton Sennas Bestmarke von sechs Siegen in Monaco ein- und einen neuen Rekord aufstellen: Sechs Rennen in Folge zu Saisonbeginn hat noch nie jemand gewonnen. Nigel Mansell schaffte 1992 fünf Erfolge in Serie, ehe er in Monaco die erste Niederlage einsteckte. Kurz vor Schluss musste Mansell, der mit großem Vorsprung führte, wegen eines Reifenproblems an die Box – und kam in den restlichen sieben Runden an Senna nicht mehr vorbei.

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