Sport : Wettfahrt der Verkehrssünder

Nach Fernando Alonso verliert auch Michael Schumacher vor dem Rennen in Ungarn die Nerven

Christian Hönicke,Karin Sturm[Budapest]

Am Ende waren sich Michael Schumacher und Fernando Alonso so nahe wie immer, nur eben weiter hinten. Die beiden Protagonisten im Titelkampf der Formel 1 werden am Sonntag beim Großen Preis von Ungarn (14 Uhr, live bei RTL und Premiere) von den Plätzen 11 und 15 starten. Beide hatten wegen unerlaubten Überholens Zeitstrafen von zwei Sekunden auf jede ihrer Qualifikationsrunden erhalten. Obwohl sie am Samstag die schnellsten Runden fuhren, mussten die beiden Verkehrssünder die ersten Startplätze daher McLaren-Pilot Kimi Räikkönen und Schumachers Ferrari-Teamkollegen Felipe Massa überlassen. Doch auch in den hinteren Reihen bleibt ein Titelkampf ein Titelkampf, und dieser scheint sich sechs Rennen vor Saisonende mehr und mehr in den Kopf der Kontrahenten zu verlagern.

Zunächst hatte Fernando Alonso die Nerven verloren. Als ihn Robert Doornbos am Freitag nicht sofort überholen ließ, sah sich der Weltmeister zu einer erhobenen Faust und einer Maßregelung des Red-Bull-Fahrers durch ein hartes Bremsmanöver genötigt. „Er war vielleicht etwas emotional“, befand Doornbos hinterher. Später überholte Alonso auch noch verbotenerweise an einer Gefahrenstelle. Dass die Auswirkungen dieses Ausbruchs nicht ganz so verheerend sind wie befürchtet, hat Alonso ausgerechnet der Nervenschwäche Schumachers zu verdanken. Der Ferrari-Pilot verspielte seinen Vorteil, als er am Samstag Alonso und den BMW-Piloten Robert Kubica ebenfalls im Überholverbot passierte und gleichermaßen sanktioniert wurde. „Die Fernsehbilder sprechen eine eindeutige Sprache“, sagte Schumacher und machte damit seine Version des Vorfalls klar: Demnach sei sein Rivale absichtlich vom Gas gegangen und habe ihn so in eine Falle gelockt, „auch wenn ich meinen Beitrag dazu geleistet habe“. „Das ist nicht wahr, das beweisen die Daten“, entgegnete Fernando Alonso, „ich war in einer Gruppe von Autos, als er plötzlich links an uns vorbeischoss.“

Selbst wenn man Fernando Alonso keine Absicht unterstellt, hat der Spanier wohl inzwischen begriffen, dass im WM-Kampf auch nicht ganz legale Methoden eingesetzt werden müssen. Das ehemals fair ausgetragene Rennen ist seit Schumachers umstrittenen Parkmanöver in Monte-Carlo im Mai eine bisweilen unappetitliche Angelegenheit geworden, bei der sich Teams und Fahrer gegenseitig bekriegen und danach verpetzen. Alonso allerdings hatte sich bislang getreu seinem Naturell weitgehend an die Verkehrsregeln gehalten. Der Spanier aus Oviedo verfügt über ein eher nordländisches Temperament, und wenn Renaults Chefingenieur Pat Symonds seinen bekanntesten Mitarbeiter beschreibt, tut er das so: „Er hat einen sehr, sehr ruhigen Charakter.“ Doch der heiße Atem des immer näher rückenden WM-Rivalen Michael Schumacher hat Alonsos überschaubare Gefühlswelt offensichtlich ein wenig durcheinander gebracht. „Er beginnt zu bröckeln“, sagt der frühere Weltmeister Niki Lauda. „Jetzt sieht man, dass er auch nur ein Mensch ist.“ Renault-Mechaniker spüren dies schon seit einiger Zeit; sie berichten von einer ungewöhnlichen Gereiztheit Alonsos bei der täglichen Arbeit.

Beim vergangenen Rennen in Hockenheim bekam Schumacher Alonsos Dünnhäutigkeit zu spüren. Weil der Deutsche in der Boxengasse knapp vor dem Spanier eingeschert war – angeblich, weil er ihn im Rückspiegel nicht gesehen hatte –, packte Alonso zum ersten Mal die fuchtelnde Faust aus und fragte sein Team per Funk fassungslos: „Habt ihr gesehen, was der mit mir gemacht hat?“ Im Rennen dann trieb ihn der erschreckende Rückstand kurz vor Schluss zu einem seiner äußerst seltenen Fahrfehler und über die Strecke hinaus ins Gras. Nur mit Mühe konnte er einen Unfall verhindern. Schumachers Hoffnung, die Konstanzwunder Renault und Alonso nach eineinhalb Jahren ohne Makel vielleicht zu Fehlern zwingen zu können, scheint sich zu erfüllen. „Fernando muss derzeit ein sehr besorgter Mann sein“, vermutet Honda-Pilot Jenson Button. „Er spürt, wie Michael näher kommt.“

Die Häufung der emotionalen Entgleisungen in der jüngsten Zeit ist aber auch darauf zurückzuführen, dass Alonso glaubt, eben nicht mehr nur einen Gegner bekämpfen zu müssen. Zwar betont der 25-Jährige, die Abwesenheit des so genannten Massedämpfers in seinem Renault sei unerheblich – diese Aussage ist aber lediglich ein psychologisches Hilfsmittel für ihn selbst. Denn der Zusammenhang mit dem Verbot des für die Balance des Autos entscheidenden Bauteils durch den Automobil-Weltverband (Fia) vor zwei Rennen und dem Leistungseinbruch von Renault ist nur schwer zu übersehen. Erregt behauptete Renaults Teamchef Flavio Briatore: „Die Fia verzerrt die Weltmeisterschaft!“ Auch Alonso sortierte die harte Bestrafung seiner Manöver wenig unterschwellig in den Ordner mit der Aufschrift Benachteiligung ein: „Das passiert doch bei jedem Rennen und bei jedem Test, aber das war das erste Mal, dass jemand dafür bestraft wurde.“ Es habe in letzter Zeit „seltsame Entscheidungen“ gegen ihn und Renault gegeben, befand Alonso. „Hoffentlich hört das jetzt auf und wir können einfach Rennen fahren.“

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