Wettkampf des Tages : Biathlon-Damen greifen nach Gold

Über die 7,5-Kliometer-Strecke haben alle vier deutschen Starterinnen die Chance auf eine Medaille. Die Frage ist nur, wer aus dem Quartett Neuner, Wilhelm, Henkel und Hauswald am besten mit dem Druck klar kommt.

Helen Ruwald
Deutsche Biathletinnen trainieren im neuen Oberhofer Skitunnel
Eine wird gewinnen. Die Goldhoffnungen Andrea Henkel (l.), Magdalena Neuner (M.), Simone Hauswald (2. v. r.) und Kati Wilhelm...Foto: dpa

So ganz einig sind sich die deutschen Biathletinnen nicht, was die Strecke im Whistler Olympic Parc angeht, auf der heute im Sprint über 7,5 Kilometer die erste Biathlon-Olympiasiegerin 2010 ermittelt wird. „Sie ist nicht ganz so anspruchsvoll, aber es gibt viele Kurven und kleine Hügelchen, da muss man schon viel arbeiten“, hat Simone Hauswald vor einem Jahr nach ihrem Weltcupsieg in Whistler gesagt. Andrea Henkel findet, dass „die Strecke nicht so schwer ist“, Magdalena Neuner hingegen protestiert: „Die Strecken finde ich eigentlich gar nicht so leicht, wie alle sagen. Da gibt es eine ganz fiese, leicht ansteigende Gerade.“

Keinerlei Diskussion kommt jedoch auf, wenn es um die Favoritenrolle der Deutschen geht. Jede von ihnen hat das Zeug, Gold zu holen. Martina Beck ist 14. des Gesamtweltcups, 2006 in Turin hat sie drei Silbermedaillen gewonnen – und doch wird sie heute nur zuschauen. Platz 14 ist nicht richtig gut, aber auch wahrlich nicht schlecht – es sei denn man startet für Deutschland. Im Gesamtweltcup führt zwar die in dieser Saison überragende Schwedin Helena Jonsson deutlich, doch dahinter folgen auf den Plätzen zwei bis vier Andrea Henkel, Simone Hauswald und Kati Wilhelm. Neuner, die bei zwei Weltcups krank oder verletzt fehlte, ist Sechste hinter Jonssons Landfrau Anna Carin Olofsson-Zidek. Nur vier Starter pro Nation sind erlaubt, Beck dürfte erst im Einzelrennen über 15 Kilometer zum Einsatz kommen.

„So eine starke Mannschaft war bei Olympia noch nie am Start“, sagt Frauen-Bundestrainer Uwe Müssiggang. Bei fünf Olympischen Spielen betreute er das deutsche Team, das in dieser Zeit sechs Gold-, zehn Silber- und vier Bronzemedaillen gewann. Zuletzt 2006 in Turin holte Kati Wilhelm Gold und Silber, dazu kamen die Silbermedaillen von Martina Beck, Silber für die Staffel und Bronze für Uschi Disl. Magdalena Neuner war damals noch nicht dabei, die WM 2007 in Antholz war ihr erster großer Wettbewerb – völlig überraschend verließ sie Südtirol mit drei Goldmedaillen. Nach einer schwierigen vergangenen Saison, die sie als sehr lehrreich bezeichnet, ist sie wieder ganz vorne dabei. Sie reduzierte ihre PR-Termine und arbeitete mit einem Mentaltrainer zusammen, um ihre Unsicherheit am Schießstand in den Griff zu bekommen. Die Lockerheit war vorübergehend verschwunden, sie machte sich während des Wettkampfs zu viele Gedanken über das mögliche Scheitern. Doch rechtzeitig vor Olympia ist sie in Topform. Siebenmal lief sie in dieser Saison unter die ersten drei, beim Weltcup im Januar in Antholz feierte sie ihre ersten beiden Saisonsiege – allerdings in Abwesenheit der Schwedinnen. Müssiggang glaubt, dass entscheidend sein wird, wie Neuner mit dem Druck von außen umgeht. Hält sie ihm stand oder fängt sie an zu grübeln? In der Loipe ist sie kaum zu schlagen, die Entscheidung wird am Schießstand fallen. Im Sprint müssen die Biathletinnen liegend und stehend je fünf Schüsse abgeben, pro Fehlschuss ist eine Strafrunde von 150 Metern fällig. Der Rückstand ist nur schwer aufzuholen, auch wenn Neuner in diesem Jahr bereits bewiesen hat, dass mit einem Kraftakt der Sieg noch machbar ist.

Vor dem heutigen Rennen gibt sie sich sehr selbstbewusst. „Der Olympiasieg wäre schon etwas ganz Tolles“, sagte Neuner der Deutschen Presseagentur. „Meine Chancen stehen ganz gut.“ Das gilt allerdings auch für die teaminterne Konkurrenz, und da sind Kati Wilhelm und Andrea Henkel im Vorteil: Beide sind bereits Olympiasiegerinnen und müssen niemandem mehr etwas beweisen, schon gar nicht sich selbst. „Ich kann hier nichts gewinnen, was ich noch nicht habe. Deshalb muss ich mir keine Gedanken machen“, sagte Wilhelm. Etwas anders ist die Situation für die WM-Zweite Simone Hauswald. Sie war in Turin frustrierte Ersatzfrau und reiste heulend schon vor dem Ende der Spiele ab. Doch die Zeiten haben sich geändert: „Ich möchte schon gerne eine Einzel- und eine Staffelmedaille gewinnen“, kündigte sie an. Heute hat sie die erste Gelegenheit dazu.


Biathlon, Sprint der Frauen über 7,5 Kilometer, ab 22 Uhr.

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