Wettkampf des Tages : Brink und Reckermann: Die Sandkastenfreunde

Julius Brink und Jonas Reckermann können am Donnerstagabend die ersten deutschen Olympiasieger im Beachvolleyball werden. Noch nie zuvor hat ein deutsches Duo das Olympiafinale erreicht.

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Höhenflug. Im Halbfinale besiegten Brink (Mitte) und Reckermann das holländische Duo Nummerdor/Schuil – im Finale warten nun die Weltmeister Cerutti/Rego aus Brasilien.
Höhenflug. Im Halbfinale besiegten Brink (Mitte) und Reckermann das holländische Duo Nummerdor/Schuil – im Finale warten nun die...Foto: dapd

Sie können diesen Lärm gut hören, diesen Jubel, dieses Geschrei, sie bekommen alles mit. Sie hören den Lärm von 15 000 Fans, die auf der Tribüne am Center Court sitzen und die Beachvolleyball zur großen Party machen. Nur ein paar Häuser weiter liegt das Appartement von Julius Brink und Jonas Reckermann. Sie haben es extra gemietet, damit sie kurze Wege haben. Ihre Zimmer im olympischen Dorf benutzen sie derzeit eher selten. Sie wollten ja optimal vorbereitet sein. „Wenn wir nach London fahren, wollen wir eine Medaille“, hatte Brink schon im Mai gesagt. Auf Gold hofften sie natürlich. Und vielleicht klappt es ja. Seit diesem hochemotionalen Halbfinale, seit diesem Kraftakt von Brink/Reckermann ist das möglich. Am Donnerstag um 22 Uhr stehen Brink/Reckermann im Finale.

Am späten Dienstagabend, eigentlich schon mitten in der Nacht, sanken die beiden in den Sand, mit breitestem Lachen, und feierten. Sie sind schon Weltmeister und Europameister geworden, aber dieser Moment, der war trotzdem etwas Besonderes. Die Europameister von 2011 und 2012 hatten sich im Halbfinale 2:0 (21:14, 21:16) gegen die Niederländer Reinder Nummerdor und Richard Schuil durchgesetzt. Zuletzt hatten Axel Hager/Jörg Ahmann mit Bronze in Sydney 2000 die erste und bislang einzige Medaille für Deutschlands Beachvolleyballer gewonnen.

„Das ist unfassbar. Ich bin so stolz, dass wir das geschafft haben“, sagte Reckermann. Er war erkältet ins Spiel gegangen. „Ich war körperlich ein bisschen geschwächt, aber es war nicht dramatisch. Dank langen Schlafens und ein paar Erkältungsmitteln geht es mir besser.“ Im Finale treffen die Deutschen auf die Weltmeister Emanuel Rego und Alison Cerutti aus Brasilien. „Die beiden sind in diesem Jahr das beste Team der Welt. Das ist eine Riesenaufgabe“, sagte Reckermann.

Video: Vor dem Beachvolleyball-Finale

Das hört sich erst mal nach taktischem Understatement an. Immerhin zählen auch Brink/Reckermann zu den besten Beach-Duos überhaupt. Und Reckermann sagt über seinen Partner: „Julius ist Deutschlands bester Abwehrspieler mit einem enorm starken Aufschlag als i-Tüpfelchen und verfolgt seine Ziele ehrgeizig und hochprofessionell.“ Allein drei Trainer kümmern sich um ihre sportliche Entwicklung, dazu kommt ein Sportpsychologe. Und ein Manager versucht, die großen Sponsorenverträge an Land zu ziehen.

Andererseits haben Brink/Reckermann diese Vorgeschichte. Der 33-jährige Reckermann ist wochenlang ausgefallen, weil er Mitte April ein Trauma des Schultergelenks erlitten hatte. Die beiden waren gerade in Santa Barbara im US-Bundesstaat Kalifornien im Trainingslager, als es passierte. Sofort war die gesamte Saisonplanung durcheinander geraten. Denn an ein gemeinsames Training war nicht mehr zu denken. Ihr bis dahin letztes Turnier hatten Brink/Reckermann im Oktober 2011 in Marokko absolviert.

Fotostrecke: Die deutschen Medaillengewinner

Deutsche Medaillengewinner bei Olympia 2012
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Wochenlang wussten sie nicht, wo sie stehen. Dann, als sie wieder zusammen spielten, nahmen sie die Europameisterschaft im niederländischen Den Haag als Stresstest. Sie sollte ihnen zeigen, wie es um ihre Form bestellt ist. Völlig unerwartet gewannen sie dort Anfang Juni den Titel. „Das war vor allem ein Triumph des Willens“, sagte Brink. „Normal ist dieser Sieg nicht.“

Dieser Sieg ist auch Beweis dafür, wie sehr die beiden trotz solcher Verletzungspausen harmonieren. „Wir spielen seit 2009 zusammen“, sagt Brink, „dadurch ist unser Spiel harmonischer geworden. Wir wissen ziemlich genau, wie der jeweils andere spielerisch tickt.“ Gerade im Aufschlag sind die Deutschen sehr viel variabler geworden. „Wir haben uns im Winter technisch enorm weiterentwickelt“, sagt Brink.

Und schon im Winter hatten sie sich geistig längst auf London eingerichtet. Auf Ebay versteigerte das Duo im Dezember 2011 ein Weihnachtspaket. Die beiden hatten einen Beachvolleyball reingelegt und zwei Spielhosen dazugepackt. Aber der Bringer war das noch nicht, das wussten sie. Sie mussten schon noch mit etwas Besonderem aufwarten. Das Besondere war eine Handvoll Sand. Sand, auf dem das olympische Turnier in London ausgetragen wird. Der Erlös ging an eine wohltätige Organisation.

Zum Stresstest für London gehörte aber nicht bloß die EM. „Wir müssen Wettkampfhärte bekommen, wenn wir in London mithalten wollen“, sagte

Reckermann. Diese Härte hatten sie auch in Moskau vergrößert, beim dortigen Grand-Slam-Turnier im Juni, dem ersten World-Tour-Auftritt der beiden seit der Verletzung. Dort verpassten Brink/Reckermann knapp das Finale.

Für diese Niederlage können sie sich nun revanchieren. Denn im Halbfinale scheiterten sie an jenen Spielern, die sie heute Abend wieder treffen: Cerutti/Rego.

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