Wettkampf des Tages : Die Qual der letzten Geraden

400 Meter, das ist eine zutiefst unmenschliche Disziplin, für die der menschliche Körper nicht gemacht ist. Entscheidend wird sein, wer sich besser durchbeißen kann: Jeremy Wariner, der leichtfüßige Titelverteidiger, oder sein Angstgegner, der muskulöse Olympiasieger LaShawn Merritt.

Anke Myrrhe

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Eminem habe das mit der Rap-Musik sein gelassen, und sich auf den Sprint verlegt. Ebenso cool wie der amerikanische Skandal-Rapper gibt sich Jeremy Wariner, der eigentlich nie ohne seine schneidige Sonnenbrille anzutreffen ist. Im Rennen helfe sie ihm, sich völlig zu fokussieren, sagt der 25-jährige Mann aus Irving/Texas, nur mit ihr könne er alles andere ausblenden und sich vollends auf seinen Lauf konzentrieren. Dieser gilt als die härteste Distanz der Leichtathletik. 400 Meter, eine Stadionrunde. Auf dieser Runde trifft der Titelverteidiger von Osaka heute Abend auf den Mann, der ihm im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen die schmerzlichste Niederlage seiner Karriere zufügte und der auch in dieser Saison bisher die schnellste Zeit gelaufen ist: LaShawn Merritt.

Vielleicht weil Jeremy Wariner und LaShawn Merritt beide aus den USA kommen, wird ihrem Duell nicht ebenso viel Aufmerksamkeit zuteil wie jenem zwischen Usain Bolt und Tyson Gay. Dabei hat es ähnliche Komponenten: Es tritt der Olympiasieger gegen den Titelverteidiger an, Psychospielchen und Provokationen im Vorfeld selbstverständlich inklusive. Nur dass diese Typen, die hier auf die Stadionrunde gehen, vielleicht noch etwas härter sind als jene, die über die kürzeren Strecken antreten. Denn der 400 Meter Sprint ist im Grunde eine unmenschliche Disziplin, die der menschliche Körper gar nicht leisten kann. „Der Körper hat eigentlich nur Energie für 35 Sekunden Sprint“, erklärt Ingo Schultz, Europameister 2002 und Vize-Weltmeister 2001 über diese Distanz. Zu diesem Zeitpunkt haben die 400-Meter-Läufer aber noch 50 bis 100 Meter vor sich, je nachdem wie schnell sie waren. „Ab da ist es die reine Qual“, sagt Schultz. Der Körper produziert Laktat, das nicht mehr abgebaut werden kann – und das legt die Muskeln förmlich lahm. Wer nicht bereit ist, sich auch im Training immer wieder dieser Qual der letzten Geraden auszusetzen, der kann kein guter 400-Meter-Läufer werden.

Die besten unter ihnen sind derzeit Jeremy Wariner und La Shawn Merritt. Ersterer galt lange Zeit als das neue Sprintwunder, als Nachfolger des großen Michael Johnson, seinem heutigen Manager. Weil Wariner bei einer Größe von 1,87 Meter unter 70 Kilo wiegt und sich damit deutlich von seinen muskelbepackten Sprintkollegen abhebt, wurde in ihm auch ein neuer Typus von Sprinter gesehen. Wariner dominierte die 400 Meter über mehrere Jahre, wurde Weltmeister 2005 und 2007, Olympiasieger 2004 in Athen. Doch dann kam LaShawn Merritt, ein eher klassischer Sprintertyp, und fügte Wariner in Peking die bitterste Niederlage seiner Karriere zu. „Ich habe zwar Silber gewonnen, aber das war sehr enttäuschend“, sagt Wariner. „Das hängt mir immer noch nach. Zweiter zu sein ist für mich nicht akzeptabel.“

Und Peking war nur eine von fünf Niederlagen in der vergangenen Saison. Seither gilt Merritt als Wariners Angstgegner. Der 23-Jährige provoziert den zwei Jahre älteren Wariner zusätzlich mit Sprüchen wie: „Jeremy zu schlagen, das fühlt sich immer gut an.“ Wariner selbst will von einem Angstgegner selbstverständlich nichts wissen und in Berlin die Rangordnung wiederherstellen. „Ich habe noch härter trainiert als im vergangenen Jahr, um wieder so fit wie 2007 auf die Bahn gehen zu können“, sagt Wariner. LaShawn Merritt aber verbesserte schon im Halbfinale mit 44,37 Sekunden seine eigene Weltjahresbestleistung, während Wariner 42 Hundertstel langsamer war. Doch das ist Vorgeplänkel. Es wird nicht mehr wichtig sein, wenn die beiden heute Abend in den Startblöcken sitzen. Dann heißt es nur: Wer kann sich am besten quälen auf der letzten Geraden. Wariner ist ein Meister darin. „Es ist unglaublich, wie leichtfüßig er ist. Er wird auch langsamer auf den letzten 100 Metern, aber die anderen werden noch viel langsamer“, sagt Ingo Schultz, der froh ist, sich das Ganze heute aus der Kommentatorenkabine der ARD anschauen zu dürfen.

Wariner hat angekündigt, er werde den Weltrekord von Michael Johnson brechen. „Ich glaube, dass ich einmal unter 43 Sekunden laufen werde“, sagt er. „Vielleicht klappt es schon in Berlin.“ Doch die entscheidende Frage ist: Hat Wariner die schmerzliche Niederlage von Peking verarbeitet? Ingo Schultz glaubt das nicht. „Er wirkt mental noch etwas angeschlagen. Es ist nicht leicht, plötzlich geschlagen zu werden, wenn man vorher so völlig ohne Konkurrenz war“, sagt er und setzt deswegen auf LaShawn Merritt.

400 Meter der Männer, 21 Uhr 20, live in der ARD.

Ohne Sonnenbrille geht bei Wariner nichts. Sie hilft ihm, alles andere auszublenden

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