Wettkampf des Tages : „Einmal am Tag Angst ist gut“

Der US-Amerikaner Daron Rahlves spricht vor der olympischen Skicross-Premiere über den Kampf Mann gegen Mann, seine Nervosität vor dem Start und den Reiz des Risikos.

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Mittendrin, statt nur dabei. Daron Rahlves, 36, (2. v. r.) beim Skicross.Foto: AFP

Herr Rahlves, warum wollen Sie nach Ihrer erfolgreichen Alpin-Karriere jetzt noch bei den Olympischen Spielen im Skicross starten?



Ich brauche immer noch das Wettbewerbsgefühl, die Gefühle am Renntag, die Nervosität. Du kannst nicht essen, bist am Start aufgeregt, und freust dich oder ärgerst dich, wenn du über die Ziellinie fährst. Außerdem ist es für mich wichtig, den Skisport in den USA zu stärken. Skicross gibt den Amerikanern die Chance, das Skifahren besser zu verstehen.

Gefällt den US-Amerikanern Skicross besser als das Alpinrennfahren?

Sie verstehen es einfach besser: Vier Jungs, die gegeneinander ein Rennen fahren, die sich auf der Strecke bekriegen, und wer als Erster ins Ziel kommt, gewinnt. Im Alpinfahren muss man erkennen können, wer wo eine Kurve beginnt oder einen Fahrfehler macht. Die Amerikaner wissen nicht, was einen Alpinfahrer schnell macht, wenn sie nicht gerade auf die Stoppuhr schauen. Ich wünschte, sie würden Alpin mehr mögen. Trotz jahrelanger Erfolge von Piccabo Street, Bode Miller oder mir interessiert sich niemand dafür. Abgesehen von den Olympischen Spielen.

Was erwarten Sie für die olympische Skicross-Premiere am Sonntag in Cypress Mountain?

Das wird eine ziemlich große Sache. Die Kanadier hatten im Testevent großen Erfolg und landeten auf den Plätzen eins, zwei und drei. Es ist ein toller Kurs, rund 72 Sekunden lang.

Wie sind Sie zum Skicross gekommen?

Ich wollte Spaß haben. Am Anfang wollte ich nur bei den X-Games mitfahren, die sind in den USA sehr wichtig. Ich wollte sehen, wie das ist. Ich bin dann eineinhalb Jahre Skicross gefahren, bevor ich wusste, dass es hier in Vancouver Teil der Olympischen Spiele sein wird. Am Anfang wollte ich da auch nicht mitmachen. Der Internationale Skiverband braucht mehr Fortschritt im Skicross-Weltcup, es sind immer dieselben Strecken. In den USA ist das anders, dort hat der Sport auch angefangen. Dort gibt es den Super-Cross, mit sechs Fahrern und einer längeren Strecke, fast 90 Sekunden. Das ist besser für Zuschauer und Athleten, weil es mehr Chancen zum Überholen gibt.

Was macht mehr Spaß, Alpin oder Skicross?

Ich würde meine Karriere nicht ändern wollen, aber im Moment ist es der Skicross. Ich werde am Start nervöser als vor jeder Abfahrt. Das ist vielleicht nur vergleichbar mit dem Start auf der Streif in Kitzbühel. Man steht im Gate und will die anderen im direkten Duell schlagen. Es ist auch riskanter, wegen der hohen Geschwindigkeiten. Und weil du jemanden neben dir hast, der dich rauswerfen will.

Ist es auch gefährlicher?

Ich habe in beiden Disziplinen schwere Stürze gesehen. Im Skicross weißt du nie, was vor dir passiert, du musst auf andere reagieren, da machst du mehr Fehler und kommst von deiner Linie ab. Und wenn du dich auf die Fahrer vor dir konzentrierst oder wie im Radfahren im Windschatten fährst, übersiehst du manchmal einen Hügel – und fliegst raus. Den schlimmsten Sturz habe ich in Inichen beim Franzosen Enak Gavaggio gesehen. Er kam aus der Balance, flog über den Zaun, in die Bäume und war verschwunden. Irgendwann ist er wieder aufgestanden. Das war ganz schön beängstigend, aber auch spannend. Es ist gut, wenn man sich selber einmal am Tag Angst einjagen kann. Ich liebe das.

Kann man sich an den Körperkontakt gewöhnen?

Je häufiger man es macht, desto mehr gewöhnt man sich daran. Man darf nicht zurückziehen.

Wie kann man trainieren, gegen andere Fahrer auf einer Piste zu fahren?

Es ist wie in Österreich auf der Skipiste – da sind auch immer viele Leute drauf. Oder bei einem New Yorker Taxifahrer. Der rast auch durch den Verkehr und versucht keinen Unfall zu bauen. Aber ich trainiere nicht viel, ich habe so viele Alpinrennfahrten gemacht. Jetzt gibt es andere Dinge für mich: Familie, Immobilien, Skifilme drehen. Ich habe in diesem Jahr zum ersten Mal am 2. Dezember auf Skiern gestanden.

Wollen die anderen Sie besonders gerne schlagen, weil Sie im Feld den bekanntesten Namen haben?

Oh ja, das gefällt mir. Ich gebe ihnen den Kampf. Je mehr Intensität, je stärker die Athleten, desto besser, Der Sport ist in den letzten Jahren sehr vorangekommen, es gibt keine leichten Läufe mehr. Es ist wie im Alpinzirkus, jeder Lauf, jeder Gegner ist eine Bedrohung.


Das Gespräch führte Benedikt Voigt. Der Wettkampf: Skicross der Männer. Vorläufe ab 18.15 Uhr, Finale um 21.15 Uhr.

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