WETTKAMPF DES TAGES : Speerwurf mit Seele

In Skandinavien ist Speerwerfen Herzenssache. Doch in das Duell zwischen dem Finnen Pitkämäki und dem Norweger Thorkildsen könnte sich auch noch der Lette Vadims Vasilevskis einmischen.

Friedhard Teuffel
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Konzentriert. Der Olympiasieger aus Norwegen, Andreas Thorkildsen, beim Speerwurf. -Foto: dpa

Bolt gegen Gay? Friedrich gegen Vlasic? Besser schnell vergessen, denn das größte Duell der Leichtathletik heißt Andreas Thorkildsen gegen Tero Pitkämäki.

In Skandinavien hat das Duell der beiden Speerwerfer eine Bedeutung wie das immer wiederkehrende Aufeinandertreffen zwischen Nadal und Federer im Tennis, denn Speerwerfen ist in Skandinavien schon fast eine Herzenssache. Dass der Finne Pitkämäki und der Norweger Thorkildsen nun schon seit fast zehn Jahren versuchen, weiter als der andere zu werfen, hat dem Speerwerfen einen herausgehobenen Platz in der Leichtathletik gesichert. Es gehört beispielsweise zu den elf Disziplinen der Golden League, die auch beim Istaf in Berlin immer Station gemacht hat, und bei diesen Weltmeisterschaften kann es einen spannenden Abschluss bieten.

In Finnland zählt auch der Schrei beim Wurf

Pitkämäki tritt als Titelverteidiger an, Thorkildsen als Olympiasieger. Die beiden scheinen sich die Siege gut aufzuteilen. Dennoch ist es nicht schwer, sie auseinanderzuhalten. Pitkämäki ist sehr in sich gekehrt, schüchtern antwortet er auf Fragen. Viel reden will er jedenfalls nicht. In seiner Heimat Finnland gilt Speerwerfen auch fast als Kommunikationsform. „Eine gute Art, seine Gefühle auszudrücken“, hat Pitkämäki seine Sportart einmal genannt. In sich gekehrt sein, um dann alle Emotionen mit einem einzigen Wurf herauszuschleudern. In Finnland gibt es einen Wettbewerb, bei dem nicht nur der weiteste Flug ausgezeichnet wird, sondern auch der lauteste Urschrei.

Mit dem Speerwerfen nehmen es die Finnen so ernst, dass zwischendurch sogar von der „finnischen Mafia“ die Rede war. Klaus Wolfermann, der deutsche Olympiasieger von 1972, hat in Finnland jedenfalls seine eigenen Erfahrungen gemacht. Mindestens einen Monat im Jahr verbrachte er in Finnland. „In Finnland zu leben, bedeutet eine Lehrzeit für jeden Speerwerfer.“ Als er jedoch einmal zu einem Wettkampf reiste, hätten sie ihn auf besonders schlitzohrige Weise zu beeinträchtigen versucht und ihm die Schnürsenkel geklaut. Mit ausgeliehenem Draht in den Schuhen bestritt er dann seinen Wettkampf.

Bis heute hält sich auch der Mythos, der Turm des Olympiastadions von Helsinki sei exakt so hoch wie die Siegerweite des finnischen Olympiasiegers von 1932 Matti Järvinen, 72,71 Meter.

Der Norweger Andreas Thorkildsen geht etwas gelassener mit seiner Sportart um, er ist der offenere der beiden Werfer. Für Werbeplakate in Oslo lässt er sich auch mal mit freiem Oberkörper ablichten, und legt etwas mehr Wert auf Mode. Er ist mit der Hürdensprinterin Christina Vukicevic verbunden, das macht sein Privatleben schon ein bisschen öffentlich, während Pitkämäki nicht viel nach außen trägt, außer dass sein Beziehungsstatus gerade geklärt sei.

Das Verhältnis der beiden Favoriten ist entspannt

Die deutsche Werferin Christina Obergföll hat schon gemeinsam mit ihm trainiert, im Dezember in Oslo und im Januar in Südafrika. Von Thorkildsen hat sie zum Beispiel gelernt, wie man Schulterverletzungen besser vorbeugen kann: durch Gerätturnen, Ringe, Boden, Barren.

Das Verhältnis zwischen Thorkildsen und Pitkämäki ist entspannt. „Wir sind Freunde“, sagt der Norweger. „Wir treiben uns gegenseitig an“, sagt der Finne. In dieser Saison ist es damit weitergegangen. Die ersten beiden Meetings der Golden League gewann Pitkämäki, das Istaf in Berlin und die Bislett Games in Thorkildsens Heimatstadt Oslo. Die nächsten beiden Meetings entschied dann Thorkildsen für sich, in Rom und Paris. Weil ihr Duell so ausgeglichen ist und mal der eine, mal der andere gewinnt, machen sie sich auch gegenseitig die Chancen zunichte, den Jackpot der Golden League zu gewinnen, denn dafür sind sechs Siege in Serie nötig.

An diesem Sonntag könnte es noch einen ganz anderen Sieger geben. Den Letten Vadims Vasilevskis. Er hat die bisher größte Weite in diesem Jahr erzielt, 90,71 Meter. Und für den Deutschen Mark Frank geht es auch um etwas, eine gute Platzierung hinter der Spitze. Das Duell zwischen Thorkildsen und Pitkämäki bleibt jedoch bedeutend. Sie können schließlich noch einen inoffiziellen Titel unter sich ausmachen: den Speerwerfer des Jahrzehnts.

Speerwurf der Männer, am Sonntag um 16 Uhr 20, live in der ARD und bei Eurosport.

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