Sport : Wettlauf nach Olympia: Angst vor Frankfurter Fingernägeln

Oliver Trust

Als die Frankfurter jüngst ihre Olympiabewerbung vorstellten, haben sich die Stuttgarter Spione erschrocken. So eine wie die Oberbürgermeisterin Petra Roth hätten sie gerne. Blond, redegewandt, im reiferen Alter charmant und gut aussehend. Ministerpräsident Erwin Teufel und Oberbürgermeister Wolfgang Schuster verbreiten mit schütterem Haar eher spöden Charme im Kampf um den Zuschlag für die Spiele 2012. Und die Fingernägel, so heißt es spöttisch im Rathaus, können sich die beiden auch nicht so schön lackieren.

Die optischen Nachteile könnten das größte Problem im nationalen Rennen sein. Leipzig operiert mit dem Ostbonus, Hamburg setzt auf das Wasser, Berlin ist Hauptstadt, Düsseldorf brüstet sich mit perfekter Organisation. Nur Frankfurt hat Petra Roth. Man hoffe doch, so beruhigt man sich in Stuttgart, dass am Ende die "inneren Werte" überzeugten. Die seien im Ländle glänzend. Im Bewerberkomitee sitzt schließlich Jenoptik-Chef Lothar Späth. Der ehemalige Ministerpräsident des Landes gilt in seiner Heimat immer noch als Cleverle. Verwirrung löste dagegen die Umfrage des Kölner Institutes Sport und Markt aus, die die Schaffer und Häuslebauer nur auf Platz vier der Beliebtheitsskala deutscher Olympiastädte sieht, hinter Berlin, Düsseldorf und Leipzig. Immerhin knapp vor Frankfurt.

Stuttgart glaubt an sich als schlafenden Riesen. Es könnten die Spiele der Region Stuttgart in ganz Baden-Württemberg werden. Spiele der kurzen Wege wären das genauso wenig wie in der Rhein-Ruhr-Region zwischen Aachen und Dortmund. "Olympia, bei dem man zu Fuß vom Flugzeug die Wettkampfstätten erreichen konnte, gab es noch nie", sagt Gunter H. Fahrion, der Leiter des Stuttgarter Olympiabüros. "Das Olympische Dorf wird aber so nahe am Ort des Geschehens liegen, dass es fast die Speerwerfer erreichen können." Oben auf den Fildern, neben dem Flughafen, will Fahrion die neuen Hallen der neuen Messe nutzen. Boxen, Ringen, Gewichtheben und Judo könnten dort stattfinden. Unten im Stadtkessel wird der Canstatter Wasen die Zentrale bilden. Vom Olympischen Dorf aus, das neben dem neuen Olympiastadion stehen soll, "sind es zwölf Minuten mit der S-Bahn" zur Messe.

"Wir", tönt dagegen Hessens Ministerpräsident Roland Koch, "sind ein Knoten des europäischen und internationalen Netzwerkes". In der Machbarkeitsstudie der Hessen hat man auch "Vorlieben des neuen IOC-Präsidenten Jacques Rogge" berücksichtigt. Außerdem, so fuhr Koch Kritikern der eine Million Mark teuren Vorbewerbung über den Mund, bekomme der, der nichts wage - nur die Gewissheit, nichts zu bekommen.

Die Schwaben reagieren. Wenn das Nationale Olympische Komitee am 3. November einer deutschen Bewerbung zustimmt, stocken sie ihren Etat auf 15 Millionen Mark auf. Fahrion weiß Bescheid. Seit 40 Jahren ist er im Sportmanagement. Der "gewesene Journalist" (Fahrion) und heutige "Beamte der Stadt Stuttgart" war in Berlin dabei und bekam Stärken und Schwächen mit. 900 Veranstaltungen hat er für die Berliner organisiert. "In Berlin", sagt er, "hat die Politik zu sehr mitgespielt. Der Einfluss war zu groß, die Praxisnähe nicht da. Vielleicht hat die Euphorie der Wiedervereinigung vieles überlagert". All das soll in Stuttgart und Frankfurt nicht passieren. Beide Städte würden neue Arenen bauen. Fällt im November die Entscheidung, bleiben 17 Monate, um die Abschlussunterlagen einzureichen. "Für den einen nationalen Bewerber wird der Etat auf rund 50 Millionen steigen."

Die Pläne des Südens liegen in der Schublade. Vor einem Defizit haben weder die Schwaben noch Petra Roth Angst. Seit das IOC der Ausrichterstadt eine Milliarde Dollar überweise, seit 1984, sei keine mehr ins Minus gerutscht. "Von einer Olympiastadt wird ganz anders gesprochen. Der Tourismus zieht an", sagt Fahrion. Seit 1986, als IOC-Präsident Antonio Samaranch "Si" sagte, als ihn ein Journalist am Rande der Leichtathletik-EM nach den Olympiachancen Stuttgarts fragte, blühen die Träume der Schwaben. "2000 haben alle zugunsten Berlins verzichtet", sagt Fahrion. Diesmal sollen die schwäbische Wirtschaft, die Daimler, Porsche, Bosch und IBM für Stuttgart mobil machen. Bis zur Entscheidung im Mai 2003 aber halten sich die Wirtschaftsbosse zurück, um keinem Kunden anderswo in Deutschland auf den Schlips zu treten. Ist Stuttgart dran, dann glaubt man am Neckar, dass diese Unternehmen international einen Glanz haben werden, an den selbst Petra Roth nicht herankommt.

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