Wettmanipulation : Von Pferden lernen

Wie beim Pferderennen mit Wettmanipulation umgegangen wird und was das dem Fußball zeigen kann.

Dominik Bardow
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Den Sieg erzwingen. Wer beim Pferderennen als Jockey nicht alles gibt, muss sich hinterher unangenehme Fragen gefallen lassen.Foto: dpa

Berlin – Rennpferde sind wie laufende Lottokugeln. 95 Prozent der Rennbesucher wetten auf Pferde, schätzt der Dachverband für Galoppsport, das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen. Weltweit werden jährlich etwa 97 Milliarden Euro auf Pferde gesetzt. Anders als etwa beim Fußball wird das von den Rennbetreibern nicht verschämt hingenommen, sondern ist ausdrücklich erwünscht. Mindestens 80 Prozent ihrer Einnahmen ziehen die Rennvereine aus Pferdewetten.

„Ohne das Wetten könnte der Pferderennsport nicht überleben“, sagt Dietrich von Mutius von der Agentur Winrace, die für Trabrennvereine Wetten vermarktet und überwacht. Und weil das so ist, hat der Pferderennsport eine Menge Erfahrung mit Wettmanipulationen – Erfahrungen, von denen der deutsche Fußball in Wettskandalzeiten profitieren könnte.

„Im Pferderennsport sind Veranstalter und Wettanbieter eins“, sagt von Mutius, denn die Vereine bieten das Glücksspiel selbst an. „Durch diese Nähe von Wettkampf und Wette bekommen wir Manipulationen schneller mit.“ Schon vor Ort kontrollieren Zielrichter und Rennleitung auf Manipulationen. „Zu erkennen, ob sich wirklich alle Mühe geben, ist hier leichter als beim Fußball“, sagt von Mutius. Die Pferde erhalten gemäß ihren gezeigten Leistungen einen Scoringwert. „Wenn ein Pferd deutlich besser oder schlechter ist, dann schaut die Rennleitung ganz genau hin“, sagt der Vermarkter. Die Veranstalter, die Wetten anbieten, sind verpflichtet, ihre Rennen zu filmen. Bei einem Verdacht schaut sich die Rennleitung das Video an, befragt Reiter und Trainer, verlangt Dopingproben. Bei Einsätzen auf verdächtige Ergebnisse erkundigt sich der Vermarkter Winrace zusätzlich bei Wettannahmestellen, wer die Wette platziert hat. „Trotzdem bleibt es sehr, sehr schwer, Schummler zu erkennen“, sagt von Mutius. „Aber selbst wenn keine Manipulation festgestellt wird, behält man Reiter, Pferd und Wettenden beim nächsten Rennen genau im Auge.“ Beim Fußball hingegen gibt es nur in den höheren Ligen für alle Partien Fernsehbilder und die Verbände werten nur die Leistungen der Schiedsrichter aus, nicht die der Spieler.

Pferdewetten können jedoch nicht nur über die Vereine platziert werden. „Was am Buchmachermarkt passiert, kriegen wir nicht mit“, sagt von Mutius. Norman Albers, Präsident des deutschen Buchmacherverbandes, erklärt: „Es ist ein Aberglaube, dass man alle Wettbetrügereien im Vorfeld erkennen kann.“ Er müsse jedoch lange zurückdenken, um sich an den letzten Betrugsfall zu erinnern. Die Gefahr sei auch nicht hoch, denn „gerade die Asiaten nehmen auf deutsche Rennen gar keine Wetten an, dafür sind sie international zu unbedeutend.“ Das Problem des europäischen Fußballs, sagt Albers, sei, dass er ein zu hohes Ansehen bei den asiatischen Wettanbietern habe.

Einen Lösungsansatz für das Manipulationsproblem hat Albers aber: Wie im Pferderennsport könnten sich auch im Fußball alle Trainer und Aktiven schriftlich dazu verpflichten, ihre Gewinnchancen wahrzunehmen. Die Profis vertraglich zum Siegenwollen verpflichten – das klingt komisch, hätte aber sportrechtliche Folgen: Dadurch könnte man sieggefährdende Handlungen unter Strafe stellen. „Wenn ein Innenverteidiger ständig quer- oder zurückspielt statt nach vorne, dann kann man erst ihn und dann den Trainer dazu befragen“, sagt Albers. Wenn es dann keinen plausiblen Grund für die Rückpässe gebe, dann könne man eine Geldstrafe aussprechen, bei Wiederholung eine Sperre. In der Rennordnung sind solche Verstöße auf 15 Seiten normiert: Reißt einem Jockey etwa der Sattelgurt, wird er bestraft, weil er für einen funktionstüchtigen Sattel zu sorgen hat. Das gleiche, sagt Albers, könne doch auch für einen Fußballer gelten, der im entscheidenden Moment wegrutscht, weil er die falschen Schuhe trägt.

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