Wettskandal : Das Tor der Verführung

Live-Wetten sind der letzte Schrei. Es wird viel gesetzt – aber auch manipuliert. Ein Besuch beim Buchmacher.

Markus Huber[Wien]

Einhunderttausend Euro kann man ziemlich schnell verlieren. Es gibt einfach Tage, sagt Rudolf Holinka, der Chefbuchmacher des österreichischen Sportwettenanbieters Admiral, da läuft alles gegen den Buchmacher, „da sitzt du dann da wie der Passagier in einem Intercity, du kannst gar nichts machen, du sitzt einfach nur da, schaust zu, und am Ende darfst du auszahlen.“

Und heute ist vielleicht so ein Tag.

Es ist Mittwoch knapp nach 22 Uhr. Auf sieben Fußballplätzen in ganz Europa wird Champions League gespielt, der fünfte Spieltag der Gruppenphase, und Holinka hat das unangenehme Gefühl, dass er gerade ein Intercity-Ticket gelöst hat. Eigentlich sitzt er ja an seinem Arbeitsplatz, einer abgeschotteten Koje in einem Großraumbüro in einem Keller, ein paar Kilometer außerhalb von Wien. Doch er fühlt sich ganz und gar nicht sicher: Gleich 18 Fernseher sind an der Wand gegenüber seinem Schreibtisch montiert. Auf den meisten laufen die Übertragungen, auf anderen die Live-Quoten, die sein Wettbüro gerade auf diese Begegnungen anbietet.

Gewettet würde an sich genug, darüber kann sich Holinka nicht beschweren: Etwas mehr als 30 000 Wetten sind seit Anpfiff zur Champions League in den knapp 200 Wettbüros von Admiral in ganz Österreich schon abgegeben worden. Holinka sieht das auf einem seiner vier Computermonitore, die auf seinem Schreibtisch aufgebaut sind. Auf einem anderen Monitor sieht Holinka, worauf die Menschen in den Wettbüros wetten, wie viel Geld zum Beispiel auf einen Bayern-Sieg gegen Haifa gewettet wurde, und auch, wie viel Admiral aktuell im Falle eines Bayern-Sieges auszahlen müsste. Aber auch das würde Holinka noch gar nicht so sehr verunsichern, schlimmer ist etwas anderes: Schon seit mehreren Spielminuten stellt er fest, dass die Wetter darauf setzen, dass an diesem Abend kein Tor mehr fällt. Nirgendwo. Bei keiner Partie. Und sollte das tatsächlich eintreffen, hätte Holinka ein zumindest sechsstelliges Problem.

Seit einigen Jahren sind Live-Wetten der letzte Schrei am Sportwettenmarkt und, wenn man so will, so etwas wie die Königsdisziplin für Buchmacher, das liegt an der mangelnden Zeit. Bei normalen Wetten haben sie mehrere Tage oder zumindest Stunden, in denen sie die Quoten festlegen können. Bei Live-Wetten nicht.

Andererseits sind gerade Live-Wetten etwas, das Publikum und also Umsatz anzieht. Bei Admiral, dem nach Bwin größten österreichischen Sportwettenanbieter, machen Live-Wetten mittlerweile rund 30 Prozent des Umsatzes aus.

Und an diesem Abend ist Holinka dafür verantwortlich.

Es läuft die 70. Minute, und der 34-Jährige ist eigentlich nur noch um Schadensbegrenzung bemüht. Bei Live-Wetten ist er alleine für die Quotenerstellung verantwortlich. Alle paar Sekunden ändert er die Quoten und versucht, das Spielgeschehen möglichst außen vor zu lassen. Buchmachen hat seiner Meinung nach weniger mit Mathematik als vielmehr mit Psychologie zu tun. Wenn er, wie bei diesem Abend, sieht, dass die Wetter draußen vor allem auf „es fällt kein Tor mehr“ setzen, dann versucht er gegenzusteuern – er reduziert die Quoten auf diese Wette immer weiter und schraubt statt dessen die anderen nach oben.

Es geht darum zu verführen, Wetter, die eigentlich eine andere Meinung zum Spielverlauf haben, mit der Verlockung eines höheren Gewinns auf eine andere Seite zu ziehen: „Die Bayern schießen das nächste Tor – komm schon, für zehn Euro Einsatz zahle ich dir 22 aus, und so unwahrscheinlich ist das nicht.“ Von Minute zu Minute schickt Holinka von seinem Computer neue Verlockungen raus, und über den anderen kontrolliert er, ob die Kundschaft anbeißt. „Okay, allmählich gefällt es ihnen“, sagt er, während er sieht, dass die Wetter draußen anfangen, auf noch ein Bayern-Tor zu setzen. „Na bitte, geht doch.“ Es ist ziemlich verraucht in seiner Koje, und das, obwohl die Lüftung auf Hochtouren geschaltet ist. „Ein Rauchverbot könnte man da nie durchsetzen, dafür ist der Job zu stressig“.

Eigentlich sind Sportwetten darauf ausgelegt, dass zumindest einer immer gewinnt: der Buchmacher. Holinka und seine Kollegen versuchen, Quoten zu erstellen, die dafür sorgen, dass etwa im Fußball die Verlockung, auf einen Favoritensieg zu setzen, groß genug ist, andererseits aber noch ausreichend Wetter auf den Außenseiter setzen. Im besten Fall zahlen also die Einsätze der Verlierer den Gewinn der Glücklichen. Noch besser, es bleiben ein paar Prozent beim Wettbüro.

An den meisten Spieltagen dürfte die Rechnung aufgehen – denn Sportwetten sind in Österreich ein einträgliches Geschäft. Es gibt jede Menge Wettbüros im Land selbst, und seit es Internet gibt, haben sich die österreichischen Wettbüros zu einem Global Player entwickelt. Sportwetten sind in Österreich nicht nur legal, sie sind auch nicht, wie etwa in Deutschland, staatlich monopolisiert. Dank der laxen österreichischen Gesetzeslage schafft es vor allem der größte österreichische Anbieter Bwin, Wetter aus Deutschland, Spanien oder Italien im Internet zu gewinnen. Bwin etwa macht während einer Champions-League-Live-Runde einen Umsatz im siebenstelligen Bereich – eine Summe, die vor allem im Internet rekrutiert wird.

Aber gerade dieses Internet-Geschäft macht Wettanbieter auch anfällig für Manipulationen, und darum sind aus Sicht der Wettbüros die Sicherungssysteme so wichtig. Bei Admiral etwa werden daher bei Live-Partien keine absurden Wetten wie etwa auf den nächsten Einwurf angeboten, sagt Holinka: „Denn das ist Glücksspiel und wir machen hier ja nicht Roulette“. Außerdem sind vor allem bei Livespielen die Einsätze stark reduziert: Selbst in den Wettbüros vor Ort dürfen nur in Ausnahmefällen Wetten mit einem Einsatz von mehr als 1000 Euro angenommen werden – und auch dann nur nach Rücksprache mit dem Chefbuchhalter. Die wichtigste Maßnahme, nicht ausgetrickst zu werden, ist aber laut Holinka die Auswahl der Partien: „Wer heute Wetten auf die ungarische oder die moldawische Liga anbietet, ist selbst schuld“, sagt er.

In allen anderen Ligen versuchen die Buchmacher, das Risiko zu minimieren – sollten sehr hohe Einsätze gespielt werden, nehmen sie die Wette aus dem Programm. Holinka: „Wenn jemand etwa auf eine Partie in der Regionalliga 1000 Euro setzt, dann ist uns das verdächtig und wir nehmen die Wette nicht an.“

Außer eben bei Live-Wetten, wenn in sieben Champions-League-Partien einfach kein Tor fallen will. Mittwoch, kurz vor 22.30 Uhr, fünf Minuten vor Spielende. Holinka drückt eine Taste ganz rechts oben auf seinem Computer. „Alle Spiele sperren“ steht darauf, und das heißt – dass jetzt keine Wettannahmen mehr möglich sind. Für diesen Abend ist sein Job damit erledigt. Er sagt, er hat getan, was möglich war, versucht, ausreichend Wetter dazu zu bewegen, Geld darauf zu setzen, dass irgendwo noch ein Tor fällt. Es waren zu wenig, das steht jetzt schon fest. Sollte kein Tor mehr fallen, dann würde Admiral an diesem Abend jede Menge Geld verlieren. Die ersten Partien wurden bereits abgepfiffen, in München, in Madrid, in Manchester – nirgendwo ist noch ein Tor gefallen. Doch dann kommt der rettende Schrei: „Tor in Bordeaux“. Es fällt in der 94. Spielminute.

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