Wettskandal : Doppeltes Spiel

Es ist der größte Wettskandal im europäischen Fußball. Deutschland ist betroffen, aber auch zahlreiche andere Länder. Was ist genau passiert? Haben auch Sie Erfahrungen mit Fußballwetten gemacht?

T. Seibert[C. Tretbar],J. Zurheide
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Foto: Doris Spiekermann-Klaas; Grafik: Fabian Bartel

Die Dimension ist enorm. 200 Tatverdächtige gibt es, 17 Festnahmen und mindestens 200 Spiele, die 2009 möglicherweise manipuliert worden sind. Und für die Ermittler ist das erst der Anfang.

Welche Spiele sind betroffen?

Europaweit sollen es mindestens 200 Spiele sein. In Deutschland sind offenbar 32 Begegnungen betroffen, darunter vier Spiele der Zweiten Liga. Konkrete Spielpaarungen, betreffende Vereine oder Spielernamen gaben die Ermittler nicht bekannt. Laut Medienberichten soll aber der VfL Osnabrück involviert sein. Außerdem seien drei Spiele in der Champions League und zwölf Paarungen in der Europa League, dem ehemaligen Uefa-Pokal, betroffen. Die Ermittler sehen darin aber bisher nur „die Spitze des Eisbergs“.

Wie funktionierte die Manipulation?

Ohne auf Details einzugehen, lassen die Ermittler durchblicken, dass die Betrügereien stets ähnlich abgelaufen sind. Über Mittelsmänner haben die Wettprofis Kontakt zu einzelnen Fußballspielern, Funktionären und Schiedsrichtern aufgenommen und „gegen unterschiedlich hohe Entgelte“ den Versuch der Spielmanipulation unternommen. Die Wettprofis haben unterdessen bei europäischen und asiatischen Anbietern hohe Summen auf die durch sie beeinflussten Spiele gesetzt. Vom Ruhrgebiet aus agierten die Drahtzieher demnach in halb Europa.

Hat das Frühwarnsystem versagt?

Abschließend beurteilen kann man das noch nicht. Aber klar scheint, dass das System der Staatsanwaltschaft nicht direkt geholfen hat. Vielmehr kam der Hinweis auf diesen neuen Fall eher durch Zufall. Und das ist nicht untypisch: Wettbetrug ist eine Randspielart der organisierten Kriminalität. So sind auch die Ermittler nur deshalb auf den Wettskandal gestoßen, weil sie Telefonate von Personen abgehört haben, gegen die in anderem Zusammenhang ermittelt worden war. Der Schluss liegt also nahe, dass eben nicht das Warnsystem den entscheidenden Hinweis geliefert hat.

Nach dem Wettskandal um den Bundesligaschiedsrichter Robert Hoyzer im Jahr 2005 hatte der Deutsche FußballBund (DFB) die Beobachtung des Wettgeschehens verschärft. „Seit 2005 betreiben DFB und Liga in enger Abstimmung das System zur bestmöglichen Überwachung des Wettmarktes, um Unregelmäßigkeiten frühzeitig zu erkennen. Bis zum heutigen Tagen haben wir dennoch keine Warnmeldung erhalten“, sagt Liga-Präsident Reinhard Rauball. Sowohl für den DFB als auch seit 1. Juni 2009 für die Uefa übernimmt diese Beobachtung des Wettgeschehens die Firma Sportradar. Das Unternehmen überwacht Quotenbewegungen. Für jedes Spiel, auf das man wetten kann, schlagen Buchmacher Quoten vor. Verändert sich die Quote eines Spiels, wird beobachtet, woran das liegen könnte. Fällt also möglicherweise ein Leistungsträger einer Mannschaft aus, was die Gewinnchancen mindert, ändert sich die Quote. Sportradar verfügt dabei über ein weltweites Netzwerk an Experten und einer umfassenden Technik. Finden die Experten keinen rationalen Grund für eine Quotenveränderung, melden sie das ihren Kunden, sprich DFB und Uefa.

Wie sind Sportwetten in Deutschland organisiert?

Seit dem Fall Hoyzer wird über Sportwetten debattiert. Immer wieder gibt es Forderungen, einen Straftatbestand Wettbetrug ins Gesetz aufzunehmen. Den gibt es in dieser Form aber noch nicht, weshalb meist wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs ermittelt wird. Eine Art Wettmonopol hat der staatliche Anbieter Oddset inne. In anderen europäischen Ländern ist der Markt liberalisierter. Viele Wetten werden online abgegeben, deren Anbieter sitzen aber meist im Ausland. Denn per Internet dürfen von deutschem Boden seit dem 1. Januar 2009 keine öffentlichen Glücksspiele mehr veranstaltet oder vermittelt werden. Private Wettbüros gibt es in Deutschland auch, allerdings längst nicht mehr so viele wie noch vor einigen Jahren.

Das staatliche Wettmonopol hat sich in den vergangenen Jahren ebenfalls verändert. Grund ist eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom März 2006. Danach war das staatliche Glücksspielmonopol in seiner bestehenden Form rechtswidrig. Die Karlsruher Richter verknüpften einen Erhalt mit strengen Auflagen. Die staatlichen Anbieter müssten die Menschen künftig umfassender und effektiver als bisher vor den Gefahren der Spielsucht schützen. Außerdem untersagten die Richter eine Erweiterung des staatlichen Angebots. Sowohl bei privaten Wettbüros in Deutschland als auch bei staatlichen gilt zudem als Sicherung meist ein Gewinnlimit zwischen 10 000 und 50 000 Euro je Wette.

Wie laufen die Fußballwetten ab?

Als besonders manipulationsanfällig gelten Wetten auf konkrete Ereignisse, also Einwürfe in einer speziellen Minute oder Ecken und Freistöße zu bestimmten Zeitpunkten. Allerdings sehen Experten darin nicht die große Gefahr. Kaum ein Buchmacher nimmt auf solche Wetten große Summen an. Bei den bisherigen Wettbetrugsfällen haben die Akteure auf ein konkretes Endergebnis, eine Tendenz des Spiels – Sieg, Niederlage, Unentschieden – oder auf den Torevorsprung einer Mannschaft getippt. Es gibt Schätzungen, die von einem jährlichen deutschlandweiten Wett-Umsatz von rund acht Milliarden Euro ausgehen. Allerdings führt nicht jede Manipulation zum Erfolg. Die Erfolgsquote bei den manipulierten Wetten liege bei etwa 50 Prozent, sagte die Bochumer Staatsanwaltschaft.

Die Türkei soll besonders betroffen sein. Wie reagiert der türkische Sport?

„Schwarze Wolken“ seien über dem türkischen Fußball aufgezogen, kommentierte das Sportblatt „Fanatik“. „Ein furchtbarer Verdacht“, hieß es beim TV-Sender „CNN-Türk“. Der Skandal erschüttere das ganze Land, berichtete der Sender „Haber7“. 29 türkische Spiele sollen von dem Wettskandal betroffen sein – auch Partien in der „Süper Lig“, der höchsten Spielklasse. Der türkische Fußballverband war ähnlich wie der DFB offenbar nicht in die Ermittlungen einbezogen worden. Funktionäre ließen sich mit der Auskunft zitieren, weder der Verband selbst noch die türkische Wettgesellschaft Iddaa sei über die Verdachtsfälle informiert worden. In unbestätigten Berichten hieß es, einige hoch bezahlte Stars und türkische Nationalspieler könnten in den Fall verwickelt sein. Namen wurden nicht genannt.

Es wäre nicht der erste Manipulationsfall in der Türkei. Im Jahr 2002 war bekannt geworden, dass Schiedsrichter von Wettbetrügern auch mit Besuchen von Prostituierten bezahlt worden waren. Der mutmaßliche Drahtzieher der Betrügereien verteidigte sich mit dem Hinweis, solche Zockereien gehörten in der Türkei zum Alltag: „Wenn das, was ich getan habe, illegal ist, dann müssten alle türkischen Fußball-Ligen dichtmachen.“


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