Wettskandal : Italienischer Fußball: "Nur noch Mafiosi"

Die Ermittlungen im italienischen Fußball-Wettskandal bringen neue Erkenntnisse ans Licht. Neben Profis von Lazio Rom sind womöglich auch Nationalspieler betroffen.

Tom Mustroph, Mailand
Unter Verdacht. Domenico Criscito bekam im Trainingsquartier der Nationalmannschaft Besuch von der Polizei. Foto: dapd
Unter Verdacht. Domenico Criscito bekam im Trainingsquartier der Nationalmannschaft Besuch von der Polizei. Foto: dapdFoto: dapd

Nun hat sich sogar Ministerpräsident Mario Monti zu Wort gemeldet. „Würde es den Italienern nicht gut tun, wenn wir dieses Spiel für zwei bis drei Jahre komplett stoppen würden?“, fragte er angesichts der jüngsten Verhaftungswelle im Wettbetrugsskandal. Zwar ist nicht wirklich die Absage der nächsten Serie A-Saison zu erwarten – doch Italien steht Kopf. Mit Entsetzen, banger Verteidigung und Galgenhumor reagiert das Land auf den Skandal, der bis auf das Trainingsgelände der Nationalmannschaft geschwappt ist. 19 Haftbefehle gegen Fußballprofis der Serie A, deren Entourage und einige Schlüsselfiguren der europaweiten Wettbetrugsszene wurden am Pfingstmontag verhängt. Unter den Verhafteten war mit Lazios Kapitän Stefano Mauri auch ein Nationalspieler. Mauri, gegen den seit Monaten von geständigen Manipulatoren Vorwürfe erhoben werden, gehört allerdings nicht zum italienischen EM-Aufgebot.

Im Trainingszentrum Coverciano musste jedoch Linksverteidiger Domenico Criscito eine dreistündige Durchsuchung über sich ergehen lassen. Dem Profi von Zenit St. Petersburg wird vorgeworfen, wenige Tage vor dem Serie A-Spiel seines damaligen Vereins CFC Genua gegen Lazio Rom an einer Besprechung mit Lazio-Profi Giuseppe Sculli und einem inzwischen inhaftierten Mitglied einer Wettbetrügerbande teilgenommen zu haben. Das Spiel vom Mai 2011 gilt wegen ungewöhnlicher Wetteinsätze als verschoben. Criscito wurde von Nationaltrainer Cesare Prandelli inzwischen nach Hause geschickt. Im EM-Kader befindet sich aber noch Juventus-Verteidiger Leonardo Bonucci. Auch er soll nach Meldungen italienischer Medien auf einer Liste von Verdächtigen stehen.

„Das sind verheerende Nachrichten“, meldete sich Altmeister Giovanni Trapattoni vom Trainingscamp der irischen Nationalmannschaft, „im Ausland nehmen sie uns Italiener zunehmend nur noch als Mafiosi wahr.“ Der Präsident des italienischen Fußballverbands Giancarlo Abete kündigte „radikales Aufräumen“ an. Das hatte er allerdings schon vor einem Jahr versprochen, als die erste Verhaftungswelle wegen Spielmanipulationen anrollte. Standen damals vor allem Zweit- und Drittligaspieler im Fokus, sind die Ermittler nun in die Serie A vorgedrungen.

Das ist eine neue Dynamik, die auch unter den Spielern Besorgnis auslöst. „Das ist schlimmer als 2006“, sagte Mittelfeldspieler Daniele De Rossi und bezog sich auf den Moggi-Skandal. „Damals standen Funktionäre im Zentrum des Skandals, aber heute sind es Leute, die du jeden Tag auf dem Feld siehst. Das schmerzt“, sagte der Weltmeister von 2006. Fühlte sich 2006 eine Gruppe altgedienter Gladiatoren an der Ehre gepackt, so trifft der jetzige Skandal ein Team im Umbruch, dessen Merkmal nach Willen des Trainers vor allem Spielkultur ist. Mit Wut im Bauch lässt sich so ein Konzept nicht umsetzen.

Hinzu kommt, dass der Skandal bei Weitem noch nicht abgeschlossen ist. „Wir versuchen jetzt herauszufinden, welche Rolle die Vereine gespielt haben“, kündigte Staatsanwalt Roberto di Martino an. Die Zeitung „La Stampa“ spekulierte bereits, dass dem Klose-Klub Lazio die Teilnahme an der Europa League verwehrt und Genua und Siena in die Serie B versetzt werden könnten. Wegen mutmaßlicher Manipulationen des AC Siena geriet auch der damalige Siena-Coach und aktuelle Meistertrainer von Juventus, Antonio Conte, unter Druck. Bestätigt sich der Verdacht, würde er gesperrt und Juventus müsste den Angriff auf die Champions League mit einem neuen Trainer vornehmen. Die neue Ära wäre in Scham und Schande beendet, bevor sie begann.

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