Wettskandal : Warum hat das Frühwarnsystem nicht angeschlagen?

Im bisher größten Wettskandal des europäischen Fußballs hat das Frühwarnsystem der Verbände nicht angeschlagen. Warum?

Friedhard Teuffel,Christian Tretbar
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Foto: dpa; Montage: Olga Hoffmann

Wer genau bei welchen Spielen bestochen wurde, ist im jetzt bekannt gewordenen Wettskandal noch unklar. Doch eines steht bereits fest: Die Warnmechanismen, die die Fußballverbände als Reaktion auf frühere Betrugsvorfälle eingeführt haben, haben offenbar nicht viel geholfen. Beziehungsweise sie reichen noch nicht aus, um der Wettmafia beizukommen und einen sauberen Fußball zu garantieren.

Wie funktioniert das Frühwarnsystem?

Nach dem Betrugsskandal um den Berliner Schiedsrichter Robert Hoyzer, der im Jahr 2005 ans Licht kam, haben sich der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga einem Frühwarnsystem angeschlossen. Mittlerweile arbeitet auch der europäische Fußballverband Uefa mit diesem System des privaten Anbieters ISE zusammen. Das Unternehmen wertet Quoten der meisten Wettanbieter aus und schlägt bei hohen Kursausschlägen Alarm. Die Buchmacher können dann ein Spiel aus ihrem Angebot nehmen oder keine hohen Einsätze mehr annehmen. Ein Insider berichtet, dass das Frühwarnsystem der Uefa eine Vielzahl von auffälligen und möglicherweise verschobenen Spielen außerhalb Deutschlands gemeldet habe. Der Internationale Fußball-Verband Fifa arbeitet bei seinem Frühwarnsystem mit 400 Wettanbietern zusammen und schätzt, dass jährlich weltweit 100 Milliarden Euro auf Fußballwetten gesetzt werden.

Warum hat das Frühwarnsystem die Betrugsserie nicht verhindern können?

Das Frühwarnsystem reagiert nur auf Kursausschläge, nicht aber auf eingesetzte Summen, weil die Wettanbieter diese Angaben nicht an das System weitergeben. Ohnehin setzen die Betrüger nicht alleine große Beträge, sondern über Mittelsmänner viele kleinere. Machtlos sind die Betreiber von Frühwarnsystemen auch dann, wenn Geld in kleinen, nichtkommerziellen Untergrund-Wettzirkeln gesetzt wird. Denn neben staatlichen und privaten kommerziellen Wettbüros gibt es auch private Wettbörsen, die beinahe unbeachtet arbeiten. Was dort passiert, ist auch von Frühwarnsystemen kaum zu erkennen.

Bestimmt wird der Wettmarkt von großen asiatischen Anbietern. Ein Experte für Frühwarnsysteme sagt, dass auch deren Daten ausgewertet würden. Dirk Paulsen, der seit 20 Jahren mit Hilfe einer selbst entwickelten Software professionell auf Sportereignisse wettet und dabei an einem Wochenende oft mehr als 100 000 Euro eingesetzt hat, erklärt jedoch: „Die asiatischen Anbieter haben eigentlich gar kein Interesse am Frühwarnsystem, sie bestimmen den Markt und haben ihre eigenen Kontrollmechanismen.“ Der Berliner glaubt nicht daran, dass die asiatischen Anbieter bei den aufgedeckten Betrugsfällen viel verloren hätten. Die seien so groß, dass auch mehrere Millionen Euro eine vernachlässigbare Summe sind. Und Paulsen hat noch einen anderen Eindruck: „Ich glaube, dass das System nicht mehr ganz so ernst genommen wurde. Nach den letzten Betrugsfällen hatte sich die Aufregung schnell wieder gelegt.“

Betroffen sind von der Manipulation diesmal wohl Spiele in höheren und in niedrigeren Ligen. „Bei kleinen Spielen gibt es sowieso immer große Kursschwankungen“, sagt Paulsen. Bei Spielen in höheren Ligen arbeiteten die Betrüger oft nach einem bestimmten Muster. Sie warteten, bis viel Geld auf ein Spiel gesetzt sei, um erst kurz vor dem Spiel oder sogar währenddessen ihre eigenen Beträge zu setzen. Dann fühlten sich die Anbieter auch schon so sicher, dass sie die Obergrenzen für Einsätze erhöht hätten.

Wie werden Spiele manipuliert?

Spielmanipulationen sind heute durch neue Formen des Wettens viel schwerer zu durchschauen. Seit einigen Jahren bestimmt das sogenannte asiatische Handicap den Wettmarkt. Gesetzt wird dann nicht mehr auf Sieg, Unentschieden oder Niederlage, sondern auf eine Tordifferenz, etwa, dass Mannschaft A mit zwei Toren Unterschied gewinnt. So werden auch scheinbar einseitige Spiele für den Wettmarkt attraktiv.

„Gefährlich wird es, wenn sportliches Interesse und Betrugsmöglichkeiten zusammenlaufen“, sagt Dirk Paulsen. Oft komme es beispielsweise vor, dass die favorisierte Mannschaft ein 1:0 über die Zeit schaukele oder kurz vor Schluss noch den Anschlusstreffer zum 2:1 hinnehme. Dann habe sie zwar gewonnen, damit sei der sportliche Auftrag erfüllt. Aber das erwartete Ergebnis, ein Sieg mit mindestens zwei Toren Vorsprung, sei ausgeblieben. Gerade in Südeuropa und Osteuropa wetteten die Fußballspieler oft auf ihre eigenen Partien. Eine andere Form ist es, wenn zwei ausgeglichene Mannschaften gegeneinander antreten. Die Chancen auf einen Sieg stehen für beide 50:50. Der Wettbetrüger besticht nun zwei Abwehrspieler der Mannschaft A, damit diese möglichst schlecht spielen. Dadurch wird es wahrscheinlicher, dass Mannschaft A auch verliert. Allerdings setzt der Wettbetrüger zunächst 10 000 Euro auf einen Sieg von Mannschaft A. Damit will er den Markt stimulieren, so dass die Quoten für einen Sieg von Mannschaft B nach oben gehen. Sind diese in die Höhe geschnellt, setzt er 25 000 Euro auf Sieg von Mannschaft B, was dann im „Idealfall“ wegen der zwei bestochenen Abwehrspieler von Mannschaft A auch passiert. Einfallstore für die Betrüger können sowohl Spieler als auch Schiedsrichter sein. Oft treten ehemalige Profis als Mittelsmänner auf, die versuchen, Einfluss zu nehmen.

Wie lässt sich die Gefahr für Betrug im Sport verringern?

Die Vorschläge reichen von einer Verfeinerung des Frühwarnsystems über ein Verbot bestimmter Wetten bis hin zu stärkerer Prävention innerhalb des Sports selbst. In der Politik wird zudem über neue oder verschärfte gesetzliche Regelungen diskutiert. Die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hatte allerdings gegenüber dem Tagesspiegel gesagt, das bestehende Recht sei ausreichend, weil Betrüger bestraft und Schäden zivilrechtlich ausgeglichen werden könnten.

Nun forderte die designierte Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Dagmar Freitag (SPD): „Juristen müssen prüfen, ob es nicht bessere Möglichkeiten gibt, den Sport zu schützen, möglicherweise mit einem eigenen Gesetz zum Schutz des Sports.“ Wettbetrug und Spielmanipulationen seien keine Kavaliersdelikte, „wir müssen daher überlegen, wie wir deutlicher machen, dass solche Vergehen mit Gefängnisstrafen bewehrt sind“, sagte Freitag dem Tagesspiegel. Die Bundestagsabgeordnete will die Diskussion auch auf die Sportwetten ausweiten. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Liberalisierung des Sportwettenmarktes dabei hilft, solche Fälle künftig zu verhindern.“

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