Sport : When all is done, Foreman will fall in one

Vor 30 Jahren schlägt Muhammad Ali in Zaire George Foreman k.o. – ein Erlebnisbericht

Hartmut Scherzer

Reg Gutteridge teilt uns die schlechte Nachricht auf dem Flughafen mit. Ich stehe mit einer Gruppe von englischen Journalisten in London Heathrow. Gutteridge, vom „Evening Standard“, sagt: „Foreman hat im Sparring eine Platzwunde über dem Auge erlitten.“

Jeder von uns weiß, was die gerade über den Fernschreiber gelaufene Meldung bedeutet. Der Kampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewichtsboxen zwischen George Foreman und Muhammad Ali in einer Woche, am 25. September, muss verschoben werden.

Trotz der Ungewissheit entschließen wir uns zu fliegen. Die amerikanischen Kollegen erfahren die Botschaft erst beim Zwischenstopp in Luxemburg. Ein Teil kehrt wieder um, ein Teil reist weiter. So beginnt das Abenteuer Afrika, das aufregendste in meiner Laufbahn als Sportreporter. Das spektakulärste Boxereignis aller Zeiten hält schließlich am 30. Oktober 1974, nachts um vier Uhr, im „Stadion des 20. Mai“ in der Hauptstadt Zaires die Welt in Atem. Das Duell in Schwarzafrika sprengt die Dimensionen eines großen Boxkampfes.

Heute feiert der „Rumble in the Jungle“ Jubiläum: Vor dreißig Jahren schlug der charismatische Muhammad Ali, damals 32 Jahre, in einer feuchtheißen afrikanischen Tropennacht den für unbesiegbar gehaltenen George Foreman, 25, in der 8. Runde sensationell k.o. und wurde siebeneinhalb Jahre nach seiner Verbannung vom Ring wegen Wehrdienstverweigerung wieder Weltmeister im Schwergewicht.

Auf der Taxifahrt vom Flughafen N’Djili in die schmuddelige Stadt mit ihren wenigen Hochhäusern, die auf Slumhütten herabblicken, künden grün-gelbe Tafeln entlang der Straße vom „Jahrhundertkampf als Geschenk des Bürger-Präsidenten Mobutu Sese Seko an das zairische Volk“. Der selbstherrliche Diktator mit der Leopardenfellmütze ist nicht gewillt, sich wegen einer läppischen Verletzung das prestigeträchtige Spektakel entgehen zu lassen. Wegen der Mitte Oktober abrupt beginnenden Regenzeit planen der bis heute aktive Don King und seine Promoter-Entourage eigentlich, den bis dahin teuersten Kampf (fünf Millionen Dollar für jeden Fighter) der Boxgeschichte in die USA zu verlegen. Foreman drängt darauf. Doch Mobutu lässt den Weltmeister nicht einmal zur Behandlung seines Cuts außer Landes nach Paris fliegen.

Im präsidialen Herrschaftsbereich Mobutus, in N’Sele am Fluss Kongo, rund 60 Kilometer außerhalb Kinshasas, haben die beiden Boxer ihre Camps bezogen. Ali wohnt in einem weißen Bungalow direkt am Fluss. Die Tür scheint für jedermann offen. Foremans Villa auf einem Hügel ist hingegen hermetisch abgeriegelt. Für die Journalisten sind in dieser Einöde kleine Häuser reserviert. Der „Salle de Congres“, nur hundert Meter von Alis Domizil entfernt, dient beiden Boxern als Trainingshalle.

Foreman kommt in blauer Latzhose in den Kongresssaal. Sein kolossaler Oberkörper ist nackt. An der Leine führt er seinen Schäferhund. Unter einer poppigen Schirmmütze leuchtet ein winziges Pflaster, das den Anlass für all die Aufregung verdeckt. „Ich allein entscheide, wann der Kampf stattfindet“, teilt Foreman den gerade erst eingetroffenen Pressevertretern mit. Die Reporterschar macht kehrt, fliegt wieder nach Hause. Erst einige Tage später, als Trainer Dick Sadler das Pflaster abreißt und feststellt, dass die gespaltene Braue zusammengewachsen ist, steht das neue Datum definitiv fest: 30. Oktober, vor dem ersten Hahnenschrei. Trotz Regenzeit.

Ich bekomme einen Anruf aus London, ich soll mich am Tag darauf in Paris einfinden. Mobutu hat einen Jet der Air Zaire nach New York geschickt, um den amerikanischen Medien-Tross abzuholen. Bei der Zwischenlandung sollen die Engländer zusteigen. Da ich als deutscher Reporter zur englischen Reisegesellschaft gehörte, die vergebens nach Afrika flog, bin ich jetzt mit von der Freiflug-Partie. Britische Kollegialität.

Muhammad Ali ist glücklich über die Rückkehr der Journalisten nach fünf Wochen quälender Langeweile. Der Entertainer braucht Publikum für sein Training, seine Tiraden, seine Shows, seine Reime. „When all is said and did und done, George Foreman will fall in one.“ Training ohne Presse ist für Ali wie Gottesdienst ohne Gemeinde. Vor lauter Langeweile, scherzt sein Trainer Angelo Dundee, habe er versucht, Eidechsen Liegestütze beizubringen. Auch den Reportern ist es hier draußen viel zu langweilig. Sie ziehen alle in die Stadt, ins Interconti, wo mittlerweile auch Foreman mit seinem Clan logiert, oder ins Hotel Memling. Wegen der Bars und der Telefonverbindungen.

Ali lädt mich in sein Haus ein. Wir kennen uns seit dem Kampf von Karl Mildenberger gegen Ali in Frankfurt am Main. Zusammen sitzen wir auf einem hellbraunen Ledersofa im Wohnzimmer. Ali holt zwei Listen mit den Namen all seiner Gegner und der Gegner Foremans, vergleicht sie und kommt dann zu dem sicheren Schluss: „Wie kann mich George Foreman da schlagen?“

Natürlich weiß Ali, dass der Hüne aus Houston der erklärte Favorit der Presse ist. „Ihr lasst euch beeindrucken, weil er so groß ist, seine Muskeln so mächtig sind, er so hart auf den schweren Sandsack eindrischt. Ich werde die ganze Nacht tanzen.“ Auf den Tanz im Ring unter einem Blechdach wartet in dieser schwülen Tropennacht bei über dreißig Grad Celsius und neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit die ganze Welt vergeblich. „Sports Illustrated“ wählt später die Titelzeile: „How Ali fooled them all“ – Wie Ali alle zum Narren hielt. Denn Ali tanzt nicht, sondern steht sieben Runden lang am Seil, lehnt sich weit zurück, die Ellenbogen an den Rippen, die Fäuste am Kopf, zwischen den Schutzschilden weit aufgerissene Augen.

Als sich Ali nach der ersten Runde auf den Schemel setzt, herrscht ihn Trainer Dundee an: „Was machst du? Warum tanzt du nicht? Du musst tanzen! Bleib weg vom Seil!“ Ali befiehlt seinen Leuten, den Mund zu halten. „Ich weiß, was ich tue.“ Er bleibt bei seiner Seiltaktik, die er „rope a dope“ nennt. Wie ein Roboter drischt Foreman auf Ali ein. Doch der absorbiert die härtesten Hiebe und höhnt: „Das sind ja nur Tupfer. Sissy punches. Du hast nichts drauf. Nimm dir Zeit, sonst wirst du müde.“ In den Rundenpausen dirigiert Ali die Schlachtgesänge der 40 000 im Stadion: „Ali, boma ye“. Ali, töte ihn. Mobutu ist nur durch ein angestrahltes, überdimensionales Bild anwesend. Aus Sicherheitsgründen schaut der Despot den Kampf nur in seinem Palast im Fernsehen an.

Ich sitze in der ersten Tischreihe am Ring zwischen den Champions der Sprache: Norman Mailer, der wortgewaltigste unter den Schriftstellern, die den Boxsport lieben, Budd Schulberg, Autor der verfilmten Romane „The harder they fall“ (mit Humphrey Bogart) und „On the Waterfront“ (mit Marlon Brando) und George Plimpton, der brillante Formulierer von „Sports Illustrated“. In dieser prominenten Gesellschaft spüre ich schon, dass es sehr schwierig für mich werden wird, diesem Naturereignis mit den Fäusten gerecht zu werden.

Später im Hotel tippe ich auf der Schreibmaschine die Sätze: „Ali schwebte nicht wie ein Schmetterling und stach nicht wie eine Biene, was bisher sein Gütezeichen war. Er stand in dieser heißen afrikanischen Nacht wie ein Fels und schlug wie ein Pferd.“ In einer Glosse bezeichnete die „Zeit“ die Formulierung als „eine Erfindung des Boxberichterstatters, neben der alle Feuilletonisten-Poesie verblasst“.

Gegen Ende der achten Runde verlässt Ali plötzlich die Seile und schlägt den ermatteten Foreman nach einer Serie von Treffern mit einer finalen Rechten zum Kinn k.o. Einen Sekundenbruchteil nach dem „Aus“ von Ringrichter Zack Clayton steht der Koloss wieder auf den Beinen, ist aber restlos erledigt.

Gegen eine Phalanx von Gewehrkolben der Elitesoldaten Mobutus kämpfen sich die hartnäckigsten Reporter zur Kabine durch und finden nach Dundees Gesichtskontrolle auch Einlass. „Norman, George, Hartmut come in.“ Ali sitzt auf der Massagebank, lächelt und flüstert: „Ich habe nichts zu sagen. Ihr habt jetzt viel zu schreiben. Denn ihr müsst euch alle korrigieren.“ Dann ergießt sich in die heraufziehende Morgendämmerung hinein der Regen wie ein Wasserfall über Kinshasa. Eine Katastrophe, wäre das Unwetter während des Kampfes hereingebrochen.

Das Verdienst am Warten des Regens beansprucht Muhammad Ali für sich.

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