Whistler : Berge ohne Barrieren

Der Olympiaort Whistler ist die einzige Wintersportstätte, die sich auf behinderte Athleten spezialisiert hat.

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Steven Palmers randlose Brille ist beschlagen, die Sonne scheint, von unten kühlt der Schnee. Wenn dem 28-jährigen Briten aus Newcastle kalt wird, kann er allerdings nicht mal schnell von der Piste in eine Hütte laufen, um sich aufzuwärmen. Palmer hat keine Beine mehr, er schiebt sich im Rollstuhl über das holperige Weiß in den Bergen von Whistler, Westkanada. In der einen Hand hält er einen auf zwei Langlaufski montierten Sitzskischlitten. „Hey“, sagt er, „ich bin ganz schön geschafft, aber mit dem Sportgerät unterwegs zu sein, macht wirklich Spaß.“

Palmer hat seine Beine als Soldat im Afghanistan-Einsatz verloren. Als er auf eine Landmine trat, fanden in Whistler gerade die Olympischen Winterspiele statt. Jetzt ist er mit anderen behinderten Soldaten zum Rehabilitationstraining in Whistler, jenem Ort, der sich seit den Paralympischen Spielen vor einem Jahr zum Behinderten-Skizentrum Nordamerikas entwickelt hat. Internationale Spitzenathleten mit Handicap trainieren hier, Familien mit schwerbehinderten Kindern machen gemeinsam Skiurlaub – und kriegstraumatisierte Soldaten aus den USA und aus Großbritannien.

Eine Woche lang war die Versehrtengruppe von der britischen Insel in Kanada zu Gast, möglich macht das regelmäßig die britische Militär-Organisation „Battle back“ („Schlag zurück“). Auf dem Logo an der Seite von Palmers T-Shirt tragen zwei Männer einen schwerverletzten Soldaten auf einer Trage aus der Gefechtslinie. Auf dem Brustlogo sieht man, wie ein Soldat zwei Krücken selbstbewusst in die Höhe stemmt. „Darum geht es“, sagt Spencer Norman, Organisator der Reha-Reise, „die Männer haben hier die Chance, zu erleben, dass sie Bewegungsfreiheit und damit Unabhängigkeit zurückgewinnen. Für viele ist es das erste sportliche Abenteuer überhaupt seit ihrer Verletzung.“

Whistler, rund 110 Autokilometer von Vancouver entfernt, ist der einzige Wintersportort der Welt, der sich auf eine Klientel mit Handicap spezialisiert hat. Im früheren Olympischen und Paralympischen Dorf befindet sich das Leistungszentrum vom „Whistler Adaptive Sports Program“. Bewusst spricht man hier von Anpassungssport.

„Es ist großartig mitzuerleben, wie die Soldaten, aber auch Opfer von Verkehrsunfällen wieder Selbstvertrauen gewinnen und Freude am Leben“, sagt Chelsea Walker, Organisatorin des Behindertensportprogramms. Es gehört neben der Bobbahn und dem nordischen Skizentrum zur „Legacy“-Non-Profit-Gesellschaft, die das sportliche Erbe des Olympischen und Paralympischen Sports im Austragungsort der Winterspiele 2010 weiterführt. Zehn alpine Ski-Ausbilder, 110 ehrenamtliche nordische und alpine Ski-Trainer aus der ganzen Region sowie zehn bezahlte Coaches sowie Sponsoren machen das Angebot möglich.

Im früheren Olympischen Dorf trainieren und wohnen jetzt in einem neuartigen Leistungssportzentrum mit anliegenden Appartements Athleten mit und ohne Handicap. Das Training kostet nichts, nur die Unterkunft, ab 40 Euro pro Nacht. Soldaten wie Palmer schwitzen im Fitnessraum, im Lagerraum stehen Sledgehockey-Sitzschlitten, Behinderten-Ruderboote, Handicap-Kanus, alpine Monoskisitze oder nordische Skisitzschlitten, welche die Sportler gratis ausprobieren können. „Das ist cool“, sagt der kanadische Paralympics-Athlet Morgan Perrin, dem Hände und Füße fehlen.

Der Brite Palmer hatte nach seinem Zwischenfall einiges durchzustehen. „Für meine Familie und Freunde war es wie für mich anfangs ein Schock“, sagt der breitschultrige 28-Jährige leise. Früher, vor seinem schrecklichen Erlebnis in Afghanistan, war er Segler. „Jetzt habe ich schon Sitzwasserskifahren und Rudern ausprobiert“, sagt Palmer bei einer Lunchpause in der Hütte „Day Lodge“ im Olympischen Park in Whistler.

Gesponsert wird das „Whistler Adaptive Sports Program“ von der Gruppe „Amerikanische Freunde von Whistler“ sowie vom Mäzenaten-Ehepaar Barbara und Bill Norman aus dem kanadischen Skiort. Die beiden nehmen die Soldaten immer auch ein paar Tage bei sich zu Hause auf. In Großbritannien hat die Benefizorganisation „Health for Heroes“ die Reise von Steven Palmer und seinen Kameraden gefördert. Auch Soldat Vinod Budhathoki, 25, aus Nepal, verlor seine Beine und Finger infolge einer Explosion in Afghanistan. Jetzt scherzt er mit den anderen Invaliden im Schnee.

Ob Palmer mal bei den Paralympics starten wird, weiß er noch nicht. Beruflich muss er sich erstmal neu orientieren, er wird auf einen Job in der Verwaltung umschulen. Aber zuerst geht er eine neue sportliche Herausforderung an: „Jetzt ist alpiner Abfahrtslauf dran. Ich bin mal gespannt, wie es läuft.“

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