Sport : Wichtiger als der Bush-Besuch

Die Eishockey-WM in Lettland endet – für den baltischen Staat war sie das größte Ereignis seit Jahren

Sven Goldmann[Riga]

Im Mai wirkt die Altstadt von Riga wie ein Biergarten mit gotisch-barocker Kulisse. Früh brennt in diesem Jahr die Sonne, und ausgerechnet jetzt wollen sich die Touristen bei einem Eishockeyturnier vergnügen. In bunten Gewändern wandeln sie über den Domplatz: hier die blau-gelben Schweden, dort die blau-weißen Finnen, doch die dominierende Farbe ist Brombeerrot. Die Brombeere ist hier so etwas wie eine identitätsstiftende Frucht, seit die Letten zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts den Patriotismus entdeckten und die Liebe zur rot-weiß-roten Fahne. Das schöne Karmesinrot steht für das Blut, das für den Kampf und die Unabhängigkeit vergossen wurde, und dieses Rot ließ sich damals noch nicht mit synthetischer Hilfe herstellen. Also pressten viele Letten Brombeeren aus und färbten weiße Leinentücher zu Nationalfahnen. Als das Land nach dem Ersten Weltkrieg tatsächlich die Trennung von Russland erzwang, blühte ganz Riga brombeerrot.

Knapp 90 Jahre später dominieren wieder rot-weiß-rote Fahnen, Mädchen schminken sich die Wangen in den Landesfarben, dicke Männer zwängen sich in enge Trikots. Zweieinhalb Wochen lang ist in Riga die Eishockey-Weltmeisterschaft ausgespielt worden, heute geht sie zu Ende. Zweieinhalb Wochen, in denen Lettland im Ausnahmezustand gelebt hat. „Für ein paar Politiker mag ein Staatsbesuch von George Bush wichtiger sein“, sagt Zanda Rasuma. „Aber für die Masse des Volkes war diese WM das größte Ereignis seit der Unabhängigkeit.“

Zanda Rasuma ist das, was man in Westeuropa eine Powerfrau nennt. Strenger Mittelscheitel, Businessanzug, die viereckigen Stiefel stößt sie beim Gehen energisch nach vorn. Sie ist 41 Jahre alt und hat früher bei einem Immobilienmakler gearbeitet, „aber in diesem Job bist du als Frau fehl am Platz, da zählen nur Männer“. Als aber vor sechs Jahren der Eishockeyklub Riga 2000 einen Manager suchte, setzte sie sich gegen alle männlichen Konkurrenten durch. Während der WM arbeitet sie als Organisationschefin in der SkontoHalle, der kleineren der beiden WM-Arenen. Das ist ein hoher Posten im Organisationskomitee, das vom ehemaligen Staatspräsidenten Guntis Ulmanis geleitet wird. Seine Nachfolgerin Vaira VikeFreiberga saß bei der Eröffnungsfeier im karmesinroten Nationaltrikot auf der Tribüne.

Die Leidenschaft für das schnellste Mannschaftsspiel der Welt rührt kurioserweise aus der Zeit der zweiten Besatzung, der nach dem Krieg. In den siebziger Jahren war die sowjetische Nationalmannschaft beinahe unschlagbar, und es siegte auch ein Stückchen Lettland mit. Helmuts Balderis war einer der besten Stürmer der Welt, und jeder Reporter, der die atemberaubenden Sololäufe dieses Wunderstürmers schilderte, ließ irgendwann einmal einlaufen, wo dieser herkam, nämlich aus Riga. Helmuts Balderis wirbelte Lettland in den siebziger Jahren zurück auf die Landkarte.

Seit diesen Tagen ist das mittlere der drei baltischen Länder eine Eishockey-Nation. Den Übergang zur Neuzeit schaffte nahtlos Arturs Irbe, der Torhüter von Dynamo Riga. Er stieg auf zum Nationalhelden, als er in den revolutionären Wendemonaten von 1991 den Dienst in der sowjetischen Nationalmannschaft quittierte. Irbe wollte einfach nicht mehr das Trikot der Besatzer tragen. Später machte er Karriere in der nordamerikanischen Profiliga NHL. So wie Balderis das besetzte Land im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit hielt, war Irbe der Eishockey spielende Botschafter der jungen Republik Lettland.

Die Abenteuer von Balderis und Irbe stehen für den siegreichen Kampf um Unabhängigkeit, aber auch für das schwere Erbe, das 50 Jahre Besatzung hinterlassen haben. Nur 60 Prozent der Einwohner sind Letten, ein gutes Drittel sind Russen. Nach dem Krieg hatte Moskau viele Arbeiter zur Industrialisierung Lettlands geschickt. Zanda Rasuma spricht nicht gern, aber doch sehr ausführlich über dieses Thema: „Ich habe da eine Theorie: Die Russen haben extra viele ihrer Landsleute zu uns geschickt, weil wir in der Mitte des Baltikums liegen. Die russische Minderheit sollte verhindern, das sich ein gemeinsames baltisches Nationalgefühl ausbreitet.“ Nein, sie habe nichts gegen die Russen, aber auch nicht viel für sie übrig. „Wissen Sie, viele von denen leben seit 50 Jahren hier und sprechen noch immer kein einziges Wort Lettisch.“ Und: „Ich kann Ihnen auf der Straße bei jedem Menschen zeigen, ob er Russe ist oder Lette.“ Wie äußert sich das? „Wir sind ein sehr bescheidenes Volk, die Russen sind laut und schrill. Schauen Sie sich doch mal die grell geschminkten Frauen von denen an!“

Noch heute sind die Russen ein Staat im Staat, mit eigenen Restaurants und Rundfunkstationen. Und sie haben auch ihren eigenen Sport. Als die Letten sich vor zwei Jahren für die Fußball-Europameisterschaft in Portugal qualifizierten und dort sogar ein Unentschieden gegen Deutschland erreichen, wurde das daheim wohlwollend aufgenommen, aber keinesfalls mit Leidenschaft. Fußball gilt in Lettland als Russensport. Den Siegeszug der Eishockey-Nationalmannschaft von der Drittklassigkeit in die Weltspitze zelebrierten die Letten dagegen als Volksfest. Auf dem Höhepunkt war die Euphorie, als vor sechs Jahren bei der WM in St. Petersburg ein Sieg über die Russen gelang. Gleich nach dem Spiel zogen lettische Fans zur Russischen Botschaft in Riga und kondolierten der einstigen Eishockey-Weltmacht mit Trauerkränzen

Über Jahre hat Lettland darum gekämpft, auch einmal eine Weltmeisterschaft in Riga ausrichten zu dürfen. Mehrmals stand das Projekt vor dem Scheitern, weil sich keine Investoren fanden für eine neue Halle mit einem Volumen von mindestens 10 000 Plätzen. Zu Beginn dieses Jahres ist die Arena Riga nun endlich fertig geworden, sie liegt in bester Citylage, nur ein paar Gehminuten von der Altstadt entfernt. Für 30 Millionen Euro ist in 18 Monaten die modernste Halle Europas entstanden. Was fängt Riga an mit diesem Glitzerding, wenn die Weltmeisterschaft vorbei ist? Zanda Rasuma erzählt von großen Konzerten, Sting, Depeche Mode und Simply Red haben Termine gebucht. „Es gibt eine reiche Oberschicht in diesem Land, die sich das leisten kann.“

Der Beitritt zur Europäischen Union und zur Nato im Mai 2004 hat Lettland zwar noch deutlicher von Russland abgegrenzt. Der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung aber lässt auf sich warten. „Alles ist teurer geworden“, sagt Zanda Rasuma, „das Brot, überhaupt die Lebensmittel. Für einen Liter Benzin haben wir vor zwei Jahren ein Drittel von dem bezahlt, was er heute kostet.“ Die besten Eishockeyspieler sind über ganz Europa verstreut, immer das Ziel NHL vor Augen, aber immer weniger schaffen den Sprung. Es fehlt an Geld und Identifikationsfiguren. Bei der WM haben die Letten die Endrunde nicht erreicht. Gegen Finnland hieß es 0:5, gegen Kanada gar 0:11. Die Zuschauer revoltierten und warfen Schuhe und Geldstücke auf die Eisfläche. Zweimal musste das Spiel unterbrochen werden, der amerikanische Schiedsrichter unter Polizeischutz die Halle verlassen. Die Herren vom Weltverband waren entsetzt.

Für einen Moment drohte die Stimmung in Riga zu kippen, aber dann siegte die Liebe zum Eishockey. Die lettischen Fans feiern bis zum Schluss, obwohl ihre Mannschaft ausgeschieden und seit Mittwoch nicht mehr dabei ist. Auch Zanda Rasuma war stets mit dem Herzen dabei. Man muss ihr nur genau in die Augen sehen, besser noch: über die Augen. Zanda Rasumas Brauen sind karmesinrot geschminkt. Ehrensache für eine patriotische Lettin in diesen Mai-Tagen, da Riga brombeerrot blüht wie in den Revolutionstagen von 1919 und 1991.

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