Sport : Wichtiger denn je

Josip Simunic ist einer der wenigen Routiniers bei Hertha – auch er wäre fast weg gewesen

Ingo Schmidt-Tychsen[Bad Waltersdorf]

Irgendwann im Mai dieses Jahres hat Josip Simunic einen Zettel angefertigt. Der Verteidiger des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC stand seit Monaten in Verhandlungen um seine berufliche Zukunft. Sein Vertrag in Berlin lief im Sommer aus, und der 28-Jährige wollte „noch einmal etwas Neues ausprobieren“. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite standen seine Bindungen zu Hertha. „Nach sechs Jahren so etwas wegzuschmeißen, das ist sehr schwer“, sagt Simunic. Auf dem Papier listete der kroatische Nationalspieler das Pro und Contra für Hertha, wie für andere Vereine auf. Ein sehr konkretes Angebot hatte Simunic damals von Juventus Turin, von jenem Klub also, der erst vor wenigen Tagen wegen Spielmanipulationen in die italienische Serie B verbannt wurde. „Meine Entscheidung hat sich im Nachhinein noch einmal als richtig bestätigt“, sagt Simunic deshalb. Er unterschrieb bei Hertha einen Vertrag bis 2011.

Simunic hat intensiv über seine Zukunft nachgedacht und sich erst dann entschieden. Diese für Fußballer nicht unbedingt typische Sorgfalt zieht sich durch seine gesamte Karriere. In der Vorbereitung auf die kommende Spielzeit hat Simunic sich selbst ein paar Fragen gestellt: „Wie viel Spielzeit habe ich in der vergangenen Saison bekommen? Wie häufig war ich verletzt? Wie schnell bin ich nach den Verletzungen wieder zurückgekommen? Wie viele Gegentore habe ich verschuldet? Wie viele Zweikämpfe verloren? Wie viele Fehlpässe gespielt?“ Simunic sammelt diese Daten, wertet sie aus und setzt sich dann mithilfe dieser Informationen persönliche Ziele.

Sven Kretschmer hilft Simunic dabei. Kretschmer ist Scout von Hertha BSC. Nach Herthas Spielen lässt Trainer Falko Götz sich von ihm häufig bestimmte Szenen per Video aufbereiten. Dann schneidet Kretschmer beispielsweise alle Eckbälle von links hintereinander. „Auch Joe lässt sich solche Sachen immer wieder von uns anfertigen“, sagt Kretschmer. Alle schlechten Pässe des Innenverteidigers werden dann aneinander gereiht. Besonders viel Material kommt dabei aber nicht zusammen, sagt Kretschmer. „Der macht ja wenig Fehler.“

Schon früh in seiner Karriere hat Simunic professionell gearbeitet. Nachdem er im Januar 2000 vom Hamburger SV zu Hertha gewechselt war und sich mit seinem alten Klub überworfen hatte, arbeitete er mit dem Mentaltrainer Gerd Driehorst zusammen. So kam Simunic schnell aus dem Loch heraus. In den Folgejahren wurde er zum Stammspieler in der Abwehr, heute ist er wichtiger denn je.

Für das UI-Cup-Spiel gegen Moskau plant Trainer Falko Götz mit Simunic, obwohl dieser wegen Knieproblemen gestern erst ins Mannschaftstraining einsteigen konnte. „Wie lange ich ihn einsetzen kann, hängt von den nächsten Trainingseinheiten ab“, sagte Götz. An Arbeitswillen wird es Simunic nicht fehlen. Gestern Vormittag stand Fußball-Tennis auf dem Programm, ein Spiel das von den meisten Profis nicht sonderlich ernst genommen wird. Simunic stellte sich als Erster aufs Feld. Er klatschte und brüllte, um seine Kollegen heiß zu machen. Am Ende half aber auch das nichts – sein Team unterlag mit einem Punkt.

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