Sport : Wider alle Wahrscheinlichkeit

Woraus der Tabellenletzte Mainz 05 auch nach dem 0:4 gegen Bayern München noch Hoffnung schöpft

Harald Martenstein[Mainz]

Mainz 05, sagt sein Trainer manchmal, sei ein Verein wie kein anderer in Deutschland. Das stimmt. In 100 Jahren hat Mainz nie einen nennenswerten Titel gewonnen, es besitzt einen, für Erstligaverhältnisse, lächerlichen Etat. Mainz hat aber die wahrscheinlich begeisterungsfähigsten und unaggressivsten Fans der Liga. Die Stimmung im Stadion erinnert eher an Basketball. Wenig Betrunkene. Viele Frauen. Und wenn die Mannschaft des Gegners vorgestellt wird, klatschen sie höflich.

Jetzt, wo die Mannschaft mit 11 Punkten aus 17 Spielen abgeschlagen auf dem letzten Platz steht, fordern sie nicht den Kopf des Trainers Klopp, sie sind auch nicht böse auf die Mannschaft. Sie sind Realisten. Sie freuen sich über die drei Jahre, die sie, wider alle Wahrscheinlichkeit, oben mitspielen durften. Der Abstieg war einkalkuliert. Der Sportsgeist wohnt in Mainz.

Und doch war nach dem 0:4 gegen Bayern etwas anders als sonst. Viele Zuschauer pfiffen. Das tun sie fast nie. Mainz hatte sich kaum gewehrt. Sie dürfen verlieren, kein Problem, aber sie dürfen sich nicht abschlachten lassen, bis zur letzten Minute sollen sie kämpfen wie in die Enge getriebene Löwen. Jedes Spiel ein Endspiel. Was ist los? Ende des Spaßfußballs?

In der Pressekonferenz wurde keine einzige Frage gestellt, Beerdigungsstimmung. Danach erzählte Jürgen Klopp ein paar Journalisten, wie er die Sache sieht. Mainz wurden vor dieser Saison fünf Spieler weggekauft, natürlich die Leistungsträger. Fast überall in der Bundesliga kann man mehr verdienen. Der Verein kaufte „neue Leute, billig mussten sie sein, aber die sind gut“, sagt Klopp, gut genug. Die Mannschaft ist allerdings keine Einheit mehr, sagt er, sie hat keine Zeit gehabt zusammenzuwachsen. Das nämlich ist deine einzige Chance, als Bundesliga-Underdog: die geschlossene Mannschaft, blindes Verständnis. Die Aufsteiger, Cottbus oder Aachen, haben auch keinen Klose und keinen Pizarro. Aber die sind eingespielt, deswegen stehen sie weiter oben. So funktioniert das im unteren Teil der Tabelle. Ein Team steigt auf, kämpft, hält sich, ein paar Spieler aber sind ein bisschen besser als die anderen, genau diese Spieler werden von den reicheren Vereinen weggekauft. Das Team steigt wieder ab. Es gehört jetzt zu den sogenannten Fahrstuhlmannschaften, immer rauf und runter, wie kommunizierende Röhren.

In Mainz wird demnächst ein neues Stadion gebaut, ein größeres, für 55 Millionen Euro, obwohl das alte Stadion eine tolle Atmosphäre hat. Aber auf diese Weise könnten die Einnahmen erhöht werden, und man könnte vielleicht in Zukunft auch mal einen richtig guten Spieler ein paar Jahre lang halten. Für die Rückrunde besteht Hoffnungsfaktor Nummer eins in der Tatsache, dass Mainz 05 in der letzten Saison, als es auch schon mal ganz übel aussah, aus fünf Spielen zwölf Punkte geholt hat. Außerdem versuchen sie, Zidan und Woronin zurückzuholen, ehemalige Mainzer Volkshelden und Klassetypen, die jetzt für Werder Bremen und für Bayer Leverkusen spielen und dort nicht glücklich sind. Aber so unglücklich, dass sie noch mal ein Mainzer Gehalt akzeptieren, scheinen sie auch wieder nicht zu sein. Fest steht als Verstärkung nur ein Rumäne, der bei Sporting Lissabon und Standard Lüttich war und zuletzt ewig verletzt, schwer zu sagen, was er draufhat.

Klopp setzt nicht auf Verstärkungen. Einen Superspieler, der auf einen Schlag alle Probleme löst, können Vereine wie Mainz 05 sich sowieso nicht leisten. Klopp setzt auf den Mannschaftsgeist. Blindes Verständnis. Jedes Spiel ein Endspiel. Das üben sie jetzt, bis zum 27. Januar, wenn sie in Bochum antreten. Und dann, über allem, stellt sich die Frage, wann der einzige Star weggeht, den Mainz besitzt, nämlich der Trainer. Klopp antwortet ausweichend. Bis zum Ende dieser Saison ist er bestimmt noch dabei, über alles Weitere denkt er „jetzt nicht nach“. Das heißt, bald wird er darüber nachdenken.

Vereine wie Mainz 05, Energie Cottbus oder Alemannia Aachen haben eigentlich keine Chance. Aber manchmal, für zwei oder drei Spielzeiten, schaffen sie es trotzdem. Möglich ist auch das Unwahrscheinliche.

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