Sport : Wider den Spieltrieb

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Stefan Hermanns über Bayerns Lust auf Real Madrid

Was passiert eigentlich, wenn für das Achtelfinale der Champions League das Duell zwischen der zurzeit wohl am besten besetzten FußballMannschaft der Welt und einem etwas schwächlichen Bundesligisten ausgelost wird? Die Verzückung ist natürlich groß. „Ein absolutes Traumlos“, heißt es dann, „perfekt“, „das Allerbeste, was passieren konnte“ oder „wir haben uns unheimlich gefreut“ und: „Jeder andere Gegner wäre schwerer gewesen.“ Real Madrid kommt vor Lachen wahrscheinlich gar nicht in den Schlaf, weil es der Klub mit den derzeit etwas schmalbrüstigen Bayern aus München zu tun bekommt. Die oben zitierten Aussagen aber stammen von – in dieser Reihenfolge – Ottmar Hitzfeld, Uli Hoeneß, Oliver Kahn, Michael Ballack und Roy Makaay (alle Bayern München).

Muss man das verstehen? 38 Stunden vor der Auslosung hat ein flattriges 1:0 gegen Anderlecht die Bayern noch in tiefe Selbstzweifel gestürzt. Und jetzt wollen sie allen Ernstes schon wieder die Besten der Welt besiegen? Völlig abwegig ist das nicht. Wenn Bayern gegen Real spielt, sind alle allgemein gültigen Regeln außer Kraft gesetzt. Dann treffen auch zwei Anschauungen aufeinander: die Lust am Spiel gegen die Lust am Sieg.

Real hat die besten Spieler der Welt unter Vertrag, Zidane und Ronaldo, Figo und Beckham, das Spektakel ist Teil der Vereinspolitik, Unterhaltung des Publikums oberstes Staatsziel. Irreal Madrid hat die Zeitung „El Pais“ den Klub genannt. Die Bayern hingegen stehen für Bodenständigkeit, für kalkuliertes Gewinnstreben. Sie glauben ihr Publikum vor allem dadurch zu unterhalten, dass sie Titel holen, notfalls im Elfmeterschießen. Manager Uli Hoeneß hat Real vorgehalten, der Klub sei dabei, sich zum Zirkus zu entwickeln. Aus solchen Sätzen spricht nicht nur großes Unverständnis, sondern auch tiefe Abscheu.

Bei Bayern gegen Real geht es nicht nur um den Einzug ins Viertelfinale. Es geht vor allem darum, Recht zu behalten. Jorge Valdano, Reals Sportdirektor, glaubt, dass er mit seiner ausschweifenden Transferpolitik immer mehr Resonanz erzielen wird als die Bayern. Wo würden die Leute wohl hingehen, hat er einmal gefragt, wenn Bayern und Real in zwei nebeneinander liegenden Stadien spielen und die Eintrittskarten zum selben Preis verkauft würden? Für die Bayern gibt es wohl nur eine Möglichkeit, aus diesem Wettstreit als Sieger hervorzugehen. Wenn sie sich im Achtelfinale durchsetzen, müssen sie Reals Konkurrenz nicht mehr fürchten. Weil Real dann gar nicht mehr mitspielt.

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