Sport : Wider die Philosophie

Huub Stevens würde auch gerne offensiven Fußball sehen – doch mit der aktuellen Hertha geht das nicht

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Von Sven Goldmann

Aberdeen. Nichts ist schlimmer für den Philosophen, als wenn sich die eigene Philosophie gegen ihn richtet. Karl Marx hat das nicht mehr erlebt, aber Huub Stevens wird Woche für Woche mit einem Aphorismus aus seiner Zeit beim FC Schalke 04 konfrontiert. „Die Null muss stehen“, hat der holländische Fußballlehrer damals, vor sechs Jahren, vor einem Auswärtsspiel im Europapokal gesagt, so wie andere in seinem Gewerbe eben auch mal anmerken, dass die Spitzen nicht in der Luft hängen dürfen und eine Mannschaft über den Kampf zum Spiel finden müsse. Sie alle genießen die Gnade der Anonymität, nur Huub Stevens muss heute noch unter der Unbedarftheit von damals leiden. Bundesligaweit gilt er als Defensivfanatiker, der am liebsten elf Spieler im eigenen Strafraum versammeln würde, wenn denn nur die Null steht, hinten natürlich, vorne wird es schon der liebe Gott richten.

Wenn dies wirklich so wäre, hätte Stevens am Dienstag, nach dem 0:0 von Hertha BSC beim FC Aberdeen im Uefa-Cup, öffentlich frohlocken müssen. Aber das traut er sich gar nicht mehr, um seine Kritiker in ihrem Irrglauben nicht weiter zu bestätigen. Stevens hat schließlich oft genug darauf verwiesen, es sei ihm bei der stehenden Null nur um die Organisation des Spiels in seiner Gesamtheit gegangen. Und doch ist Stevens für die Öffentlichkeit der Mann mit der Offensivphobie, und dass er vor zwei Jahren mit Schalke und den Stürmern Ebbe Sand und Emile Mpenza den attraktivsten Offensivfußball der Bundesliga spielen ließ, gilt nur als Ausnahme von der Regel (und damit als Beweis für die Richtigkeit der These).

Dieter Hoeneß, der Manager von Hertha BSC, hat Stevens nach Berlin geholt, weil er sich von ihm ein Mehr an Qualität erhofft hat. Nur erfolgreicher und attraktiver Fußball in einem stellt das kritische Berliner Publikum auf Dauer zufrieden. Bisher ist dem Projekt nicht allzu großer Erfolg beschieden. Kritiker monieren, es harmoniere nicht recht zwischen Stevens und der Mannschaft. Wer aber beim Training zuschaut und den Trainer im lachenden, gelösten Dialog mit seinen Spielern erlebt, der hat keineswegs den Eindruck von einem gestörten Verhältnis. Andere rechnen Stevens vor, dass Hertha unter seinem Vorgänger Falko Götz 2,3 Tore pro Spiel geschossen habe, unter ihm aber nur 1,0. In solchen Fällen wird dann gern das Zitat mit der Null herausgeholt, manchmal auch in der hämischen Variante, dass bei Hertha jetzt die Null vorne stehe.

Das ist nicht ganz fair, denn seit dem Amtsantritt des Trainers ist keine Woche vergangen, in der sich nicht zumindest ein Spieler krank oder verletzt gemeldet hat. Stevens muss improvisieren mit Amateuren und rekonvaleszenten Profis, deren Zustand eigentlich keinen Einsatz zulässt. Der Brasilianer Luizao würde wohl immer noch sein Konditionsprogramm abarbeiten, wenn nicht die Stürmer Michael Preetz und Alex Alves zuschauen müssten. Und der von einer Grippe genesene René Tretschok hätte in Aberdeen gewiss nicht auf dem Platz gestanden, wenn nicht auch noch der Mittelfeldstratege Stefan Beinlich ausgefallen wäre.

Selbst an Tagen, an denen Stevens ganz froh ist über die Null hinten, wie am Dienstag in Aberdeen, merkt er lieber selbstkritisch an, wie sehr ihn die vorne stehende Null stört. Kein Tor kassieren ist schön, keines schießen dagegen schlecht. Er weiß aber auch, dass er seine Ansprüche an Erfolg und Ästhetik bescheiden muss, so lange ihm nicht zumindest in Ansätzen seine Wunschbesetzung zur Verfügung steht.

Das Spiel in Aberdeen war furchtbar anzuschauen, und es mag die Berliner ein wenig neidisch gestimmt haben, dass bei der Beurteilung auf der Tribüne in Aberdeen ganz andere Maßstäbe herrschten als bei ihnen daheim. Die schottischen Fans trotzten der mangelhaften Qualität mit nicht enden wollenden Beifallstürmen. Die keineswegs mit überragendem Talent gesegnete Heimelf wurde mit Ovationen verabschiedet. „Ich will ja nicht sagen, dass so etwas auch bei uns die Regel sein sollte“, sagt Manager Hoeneß. „Aber hier hat man schon gemerkt, was es ausmachen kann, wenn die Fans über 90 Minuten hinter ihrer Mannschaft stehen.“ Der Umkehrschluss ist erlaubt: Wo würde Hertha BSC in der sportlichen Entwicklung stehen, wenn das Berliner Publikum ähnliche Geduld aufbringen würde? Stevens sagt nichts zu diesem Thema. Wenn er sagt, „dass uns die Unterstützung fehlt“, meint er die seiner Spieler untereinander. „Der Druck, unter dem wir stehen, kommt nicht von außen, sondern von innen.“ Erfolg geht zurzeit vor Attraktivität. Die einzig positive Erkenntnis ist, dass die Null steht.

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