Sport : „Wie am ersten Schultag“

Der Turner Eberhard Gienger sitzt für die CDU im Bundestag

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Herr Gienger, herzlichen Glückwunsch. Seit dem 22. September sind Sie für die CDU Abgeordneter im Bundestag. Haben Sie lange basteln müssen an dieser Karriere?

Gar nicht. Politisch aktiv bin ich eigentlich erst seit letztem Oktober. Vorher war ich Zeitungsleser. Dann wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, ein Mandat zu übernehmen. Matthias Wissmann, der Ex-Bundesverkehrsminister, hat mich angerufen. Er war in einer Gruppe von Abgeordneten, die sich überlegt hatten, wer das in meinem Wahlkreis, in Neckar-Zaber, machen soll.

Haben Sie lange überlegt?

Drei Monate. Ich war zuerst gar nicht von mir überzeugt, als Quereinsteiger. Ich habe ja nicht mal im Wahlkreis gewohnt, sondern 90 Kilometer entfernt, in Tübingen. Aber weil ich immer über das geschimpft habe, was Rot-Grün anrichtet, 630-Mark-Gesetz und so weiter, dachte ich: Mach’s besser. Wenn man schon das Angebot bekommt, noch mal was ganz Neues zu machen…

Man gewinnt den Eindruck, Sie machen gerne mal was Neues: Sie waren einer der erfolgreichsten deutschen Turner, sie haben Russisch und Englisch studiert, sind Lehrer, dann waren sie bei verschiedenen Firmen im Marketing, seit zehn Jahren sind Sie selbstständig.

Ich hab mal einen amerikanischen Schauspieler gesehen, der zu seinem 80. Geburtstag gefragt wurde, ob er denn gerne noch mal 18 wäre. Blödsinn, hat der daraufhin geantwortet, ich will 100 werden, denn das war ich noch nicht. So geht mir das auch.

In Ihrem Wahlkreis haben Sie mit 44,5 Prozent ein Direktmandat errungen – immerhin gegen Hans-Martin Bury, den Staatsminister im Kanzleramt. Wie haben Sie das angestellt?

Na, das ist ja sowieso ein Wahlkreis, der schon immer sehr CDU-lastig war. Aber ich war auch sehr, sehr viel unterwegs, in allen 38 Städten und Gemeinden. Bei Weinlesen, Neujahrsempfängen, Sportvereinen, Bürgermeistern, in Krankenhäusern, Pflegeheimen. Als die CDU-Ortsverbände mitgekriegt haben, dass ich nicht nur Werbung für mein Unternehmen machen will, dass es mir ernst ist, haben sie mich toll unterstützt.

Denken Sie, Ihr Ruf als Sportler-Legende hat Ihnen geholfen?

Ich glaub’ schon. Aber ich glaube auch, dass die Menschen weniger auf die Anzahl der Medaillen geachtet haben als auf die Eigenschaften, die ich mir als Leistungssportler angeeignet habe und die mir hoffentlich auch in Berlin weiterhelfen. Disziplin zum Beispiel. Die Fähigkeit, hart zu arbeiten.

Apropos Berlin. Am Dienstag hatten Sie hier schon die ersten Termine. Wie war’s?

Wie am ersten Schultag! Es gab da ein Treffen aller Neuen. Wir saßen mit Blöcken und Stiften da, und einer stand vorne und hat den Stundenplan diktiert. Montagabend ist Landesgruppe. Dienstag ist Fraktion. Mittwoch ist Ausschuss. Oder andersherum? Ich muss nochmal auf den Block gucken. Donnerstag, Freitag ist auf jeden Fall Plenum.

Und Ihr Büro, wie gefällt Ihnen das?

Wir haben erstmal nur ein Musterbüro besichtigt. Ich würde sagen, es ist ausreichend. Und wenn ich mehr Platz brauche, geh’ ich halt raus auf die Wiese.

Was wollen Sie denn als erstes angehen?

Ich hab mich schon für ein paar Ausschüsse eingetragen. Für den Sportausschuss, natürlich. Für Wirtschaft. Und in den Umweltausschuss möchte ich auch. Das hat damit zu tun, dass in meinem Wahlkreis der Reaktor Neckar-Westheim steht. Da soll, entgegen der Versprechungen, nun doch ein Zwischenlager gebaut werden, und ich bin dagegen, dass das passiert.

Was liegt Ihnen beim Sport am Herzen?

Die Stärkung des Ehrenamtes. Denn die Vereine schaffen in Deutschland ein zweites soziales Netz. Es lohnt sich, für diese gesellschaftspolitische Aufgabe etwas zu tun.

Und wer kümmert währenddessen sich um Ihre Firma in Tübingen?

Bedenken Sie, ich hab ja nur einen Vierjahresvertrag bekommen, ich muss das also schon noch weitermachen.

Dazu gehören aber auch Ihre Auftritte als Teil der Eberhard-Gienger-Reck-Show, wo Sie im Trio komische Artisten sind…

Naja, ich hab in der lustigen Nummer den seriösen Part. Ich mache Reckübungen, dann kommen meine Kollegen, daraus entwickelt sich Artistik, und zum Schluss schnappen wir uns jemand Honorigen von den Gästen und machen, wenn er nicht zu schwer ist, einen doppelten Salto mit ihm. Auf Sport werde ich auch als Politiker nicht verzichten.

Wie lange wollen Sie denn Politiker sein?

Ich hab das auf acht Jahre angelegt – vorausgesetzt, die Einstellung stimmt. Und der Erfolg. Allerdings haben mir gestern schon viele gesagt, dass ich eh nichts verändern könne.

Wie bitte? Wie motivierend…

Ich hab ja nicht gesagt, dass ich das glaube.

Das Gespräch führte Christine-Felice Röhrs

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