Sport : Wie beim ersten Mal

Marianne Buggenhagen tritt zum vierten Mal bei den Paralympics an – und beim Berliner Kinderfestival

Stéphanie Souron

Die Moderatorin ist überfordert, und ihre letzte Rettung ist Marianne Buggenhagen. Sie ist es nicht gewohnt, mit Sportlern zu reden, normalerweise plaudert sie mit Kleinkünstlern, die auf der Bühne des Kinderfestivals im Sportforum Hohenschönhausen im Zweistunden-Takt auftreten. Heute aber ist „Champions-Day“, und auf der Bühne stehen so erfolgreiche Sportler und Ex-Größen wie der Hürdensprinter Mike Fenner oder Dieter Baumann, der 5000-Meter-Olympiasieger von 1992 .

Sie sollen den Kindern erzählen, wie schön es ist, Leistungssport zu betreiben, aber das Gespräch kommt nicht in Gang. Die Moderatorin verwechselt Baumann mit dem Hochspringer Martin Buß und sagt, dass sie selbst sehr unsportlich ist und die 20 Meter bis zum Bäcker mit dem Auto fährt. Vor der Bühne fangen drei Zehnjährige eine Rauferei an, ein Mädchen weint, weil ihr eine Kugel blaues Eis auf den Boden gefallen ist. Die Moderatorin wendet sich dankbar an Marianne Buggenhagen. „So, nun erzählen sie doch mal was“, sagt sie. Auch wenn sie von Sport nicht viel versteht, Marianne Buggenhagen hat sie erkannt. Aber nur, weil Buggenhagen im Rollstuhl sitzt. Dass die 51-Jährige den Weltrekord im Kugelstoßen und im Diskuswerfen hält, hat sie nicht gewusst.

Dann beginnt die Athletin zu erzählen. Dass sie in Athen zum vierten Mal an Paralympischen Spielen teilnimmt, im Speer- und Diskuswerfen sowie im Kugelstoßen. Sie startet in der Klasse F55, ab Hüfte abwärts gelähmt. Vor 32 Jahren erfuhr sie, dass sie nie mehr würde laufen können, eine Erkrankung des Rückenmarks. Als sie die Diagnose hörte, wollte sie nicht mehr leben. Irgendwann sah sie im Fernsehen ein Spiel der Rollstuhl-Basketballer und schöpfte neuen Lebensmut. Sie probierte alles aus, Schwimmen, Basketball und irgendwann auch Kugelstoßen. Buggenhagen wurde schnell sehr gut, zwischen 1979 und 1990 gewann sie in der DDR mehr als 130 Meistertitel. „Mehr ging nicht – die DDR nahm nicht an den paralympischen Spielen teil“, sagt Buggenhagen. Heute arbeitet die 51-Jährige als Krankenschwester. Sie hat ein Buch geschrieben, über die Höhen und Tiefen im Alltag einer behinderten Spitzensportlerin. Marianne Buggenhagen kann viele schöne Geschichten erzählen und auch ein paar schlimme. Dass es Leute gibt, die sie anpöbeln, nur weil sie im Rollstuhl sitzt, ist eine von den schlimmen. Dass sie vor jedem Wettkampf so aufgeregt ist wie beim ersten Mal und dann kaum mehr weiß, wie sie die Kugel an den Hals legen soll, ist eine sehr schöne. Auf der Bühne darf sie keine davon erzählen, die Moderatorin stolpert bereits durch das Interview mit Mike Fenner. „Vielleicht hat man trotzdem ein paar von den Kindern erreicht“, sagt Buggenhagen. Es hätten durchaus ein paar mehr sein können.

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