Sport : Wie beim Papst - Das große Abschieds-Brimborium um Lothar Matthäus

Oliver Trust

Als Günther Rocke, der Pilot von der Helikopter Flugbereitschaft München, um Viertel vor sechs hinter dem Klubhaus des VfB Stuttgart die Rotoren anwarf, da war der ganze Spuk vorbei. Lothar Matthäus entschwebte mit Freundin Maren, deren Bruder Kilian, Kamerafrau und Reporter von Sat 1 nach München zu einer kitschig inszenierten Sondersendung "bye bye Lothar". Dort saß der Rekordnationalspieler dann nach seinem letzten Bundesligaspiel milde lächelnd in einem Glaskasten, schwadronierte über seine künftigen Englischkenntnisse, die Schneeflocken tanzten in der Luft herum und die Romantik war kaum zu überbieten. Im Kabinengang des Stuttgarter Daimler-Stadions ging es nicht so heimelig zu. Da stapften die Mannschaftskollegen von Matthäus missmutig und wortkarg von dannen. Die 0:2-Niederlage gegen Stuttgart hatte ihre Spuren hinterlassen.

Doch es drehte sich ohnehin fast nur um den Abschied von "Loddar". Fast schien es, als handele es sich um eine Tragödie von nationaler Tragweite, einer Art Katastrophe, die das Ende des deutschen Fußballs einleite, nur weil einer, der fast 39 Jahre alt ist, in den USA noch einmal große Kasse macht. Kamerateams und Fotografen hetzten hinter ihm her, als er um 16.44 Uhr nach 464 Bundesligaspielen vom Feld ging, um bald für die New York MetroStars in der Major League Soccer zu spielen. Auf der Haupttribüne standen ein paar auf und klatschten. Er winkte kurz und ging nach 21 Jahren in der ersten Liga ein letztes Mal duschen. "Ich werde bestimmt einiges vermissen. Die deutschen Stadien, die tollen Fans, die Bundesliga", hauchte Matthäus später in die Mikrofone.

Ein paar Meter weiter konzentrierte sich Freundin Maren Müller-Wohlfahrt peinlich berührt auf ein Interview. "Ja" und "Nein" sagte sie und "Das waren aber schon sehr viele Fragen jetzt". Dass die beiden "noch nicht gepackt haben" (Matthäus) erfuhr dann auch sein Trainer Ottmar Hitzfeld noch rechtzeitig. Der gab schon einmal vorab Teile der Aufstellung für das Rückspiel am Mittwoch gegen Madrid bekannt: "Lothar wird spielen". Ein letztes Mal für die Bayern. Der Rest war Ergriffenheit. Mehr gespielt als ehrlich gemeint, denn in München sind viele froh, wenn der Mann aus Herzogenaurach nach wochenlangem Theater und endlosem Wehklagen endlich weg ist. "Ein bewegender Moment für alle von uns. Man verabschiedet nicht jeden Tag einen Rekordnationalspieler. Das geht unter die Haut und war auch für mich ein ergreifender Moment", sagte Hitzfeld diplomatisch.

Kurz vor halb sechs schritt Lothar Matthäus dann zum Hubschrauber. Wie ein Popstar verfolgt von zwei Kamerateams, ein paar Fotografen zog er seine Maren zwischen Bierstand und Wurstbude hinter sich her. Für den Papst hätten sie nicht weniger Brimborium veranstaltet. Ein zartes Küsschen auf der Tartanbahn, ein netter Plausch, ein charmantes Lächeln. Einer wie er weiß, was die Leute vom Fernsehen aufnehmen wollen. Und dann stieg er zuerst ein. Es war ja auch sein Abschiedsspiel.

Doch es ist ja noch nicht vorbei. "Ich könnte mir vorstellen, dass am Mittwoch die eine oder andere Träne fließt, aber ich werde mich nicht schämen", sagte der Gefeierte. Einerseits ist ihm der Rummel vor seinem Abgang in den letzten Tagen "zu viel geworden", und beim gestrigen Training war er sichtlich genervt. Andererseits weiß der 38-Jährige, "dass ich in den USA nicht die Popularität erreichen kann, die ich in Deutschland, Europa oder Südamerika habe". Und deshalb genoss er am Sonnabend doch in vollen Zügen die Sympathien. Dass die Zuschauer von "Premiere" ihn noch zum Top- Spieler der Begegnung wählten, war dann selbst Matthäus nach seiner Durchschnittsleistung etwas peinlich.

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