Sport : Wie beim Rodeo

Die Berliner Eisbären sind Tabellenführer in der DEL – und trotzdem wird genörgelt

Claus Vetter

Berlin. Das allgemeine Stimmungstief im Lande produziert mitunter kuriose Widersprüche. Wie anders sollten sich die Dinge erklären lassen, die sich am Freitagabend im Sportforum Hohenschönhausen abspielten. Da waren die Eisbären mit einem Sieg über die Kölner Haie gerade Tabellenführer der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) geworden, und trotzdem sah sich Pierre Pagé der Kritik ausgesetzt. Unbestrittener Höhepunkt war die Frage, ob sich der Trainer der Eisbären derzeit mit seiner Mannschaft in einem „gewollten Leistungstal“ befinde.

Nörgelei war nun wirklich unangebracht. Auch wenn das Spiel der Berliner nicht eben glamourös war, das Resultat stimmte doch. „Es war ein bisschen wie beim Rodeo", sagte Pagé. „Wir spielen nun mal mit einem sehr offensiven und daher riskanten System. Daher müssen wir auch mal mit mehr als zwei Gegentoren rechnen.“ Solange der Gegner eins mehr kassiert, ist dies sicher kein Problem.

Schließlich hatten die Eisbären im letzten Drittel die zwischenzeitlich dominierenden Kölner noch niedergerungen. Allen voran glänzte dabei Yvon Corriveau. Zwei Tore im Spiel und schließlich der entscheidende Penalty gingen auf das Konto des Kanadiers, dessen Einsatz unglaublich war. „Ich gebe halt immer mein Bestes", sagte Corriveau.

Das ist in der Tat nicht zu übersehen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass der 35-jährige Kanadier nur bedingt die Qualität, die das Team von Pagé ausmacht, verkörpert. In die breite Berliner Garde der exzellenten, technisch versierten Schlittschuhläufer lässt sich Corriveau nicht einordnen. „Aber er passt in mein Konzept", sagt Pagé. Wie sieht das genau aus? „Das sage ich lieber nicht. Denn wir wollen weiter Erfolg haben. Coca-Cola verrät sein Rezept schließlich auch nicht.“ Was die Zukunft seiner Arbeit betrifft, ist der Trainer hingegen auskunftsfreudiger. Nur acht Spieler der Eisbären – Sven Felski, David Roberts, Boris Blank, Yvon Corriveau, Jeff Tomlinson, Brad Bergen, Rob Leask und John Gruden – haben einen Vertrag über die Saison hinaus. Hinter den anderen Akteuren der Berliner „ist momentan die halbe Welt her", sagt Pagé. „Die bekommen Anrufe aus Schweden, der Schweiz und auch aus Amerika. Wir müssen uns mit den Vertragsverlängerungen beeilen.“ Insbesondere hat Pagé dabei wohl Oliver Jonas im Auge.

Dass der Torhüter der Eisbären einen Anruf aus Köln bekommt, weiß Pagé. So bat Kölns Trainer Hans Zach seinen Berliner Kollegen, dass er Jonas erzählen solle, dass die Saison für den Torhüter im April nicht vorbei sei. „Wir brauchen Oliver im Mai", sagte Zach. Da sprach der Bundestrainer, denn im Mai spielt die Nationalmannschaft bei der WM in Finnland. Dass Jonas nach dem Stand der Dinge da mitspielen wird, beunruhigt Pagé weniger. Der Umstand, dass Zach seinen talentierten jungen Torhüter nächste Saison zu den Haien locken möchte, schon mehr. Eisbären-Manager Peter John Lee sieht denn auch Handlungsbedarf. „Es laufen bereits Gespräche in Sachen Vertragsverhandlungen", sagt Lee.

Allerdings werden die Eisbären ihr Budget nicht überstrapazieren, so Lee. „Das wird auf jeden Fall spannend." Wenn sich da nicht angesichts der verpflichtungsfreudigen und solventen Konkurrenz aus Mannheim und Köln eine personelle Talfahrt für die Eisbären, die am heutigen Sonntag in Kassel spielen, andeutet. Das ist Zukunft. Gegenwärtig geht es weiter bergauf für die Berliner, das Spiel gegen Köln belegt dies. Und so war es verständlich, dass Pagé dem fantasiereichen Fragesteller mit seinem „gewollten Leistungstal“ keine Antwort gab, ihn vielmehr im Scherz als „Weihnachtsmann“ abqualifizierte.

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