Wie Berlin frühere Titel feierte : Auch 1990 sprühten schon die Funken

Feurig war sie, die Siegesfeier 1990 - wenn auch teilweise stärker als erwünscht. Damals gab der Siegestaumel aber auch Anlass zur Sorge, denn es mischen sich dumpf-nationalistische Ausfälle in die Feiern. Ein Rückblick.

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Es war ein feuriges Finale. Kurz nach dem Schlusspfiff in Rom hatte es in Berlin zu nieseln begonnen, doch das störte an diesem glorreichen Abend des 8. Juli 1990 niemanden, auch nicht beim Starten der Freudenraketen auf dem Kurfürstendamm. Einer der funkensprühenden Flugkörper blieb in der Werbewand des damaligen Ku’damm-Ecks an der Kreuzung Joachimstaler Straße stecken, verkeilte sich zwischen den Plättchen, die rasselnd immer neue Werbebotschaften aufbauten. Erst qualmte, dann brannte es, die Flammen fraßen sich durch bis zur Elektronik. Ausgerechnet mit dem WM-Symbol blieb die Bilderfolge stehen.

Schon dies ein weltmeisterlicher Abend, den so schnell niemand vergaß, auch nicht in Berlin, obwohl es noch keine Fanmeile gab und später keinen Blitzbesuch der siegreichen Mannschaft. Selbstverständlich wurde gefeiert, die Freude der angeblich 100 000 Fans auf dem Ku’damm war riesengroß und arglos, die Zündelei nur ein Zufall, keine bewusste Sachbeschädigung. Von der KaDeWe-Fassade wurden nur schwarz-rot-goldene Fahnen geklaut, die Schaufenster blieben heil.

Die Rückkehr der Weltmeister
Einmal die Polonaise über die Bühne.Weitere Bilder anzeigen
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15.07.2014 12:18Einmal die Polonaise über die Bühne.

Ganz anders der Osten der noch nicht wiedervereinigten Stadt: Schon vor dem Anpfiff durch Skinheads, Hooligans, Rechtsradikale angezettelte Prügeleien vor einer Videowand am Lustgarten, selbst Holzknüppel und Eisenstangen kamen unter „Sieg Heil“-Rufen zum Einsatz. Nach dem Abpfiff Abmarsch der alkoholisierten Horden Richtung Alex: Scheiben klirrten, Auslagen wurden geplündert, Leute zusammengeschlagen. Gleichwohl kein typisch Ost-Berliner Phänomen an diesem Abend: Auch in Städten wie Hamburg, Köln, Dortmund krachte es.

So feiert Berlin den deutschen Titel
Zum vierten Mal Weltmeister! Die deutsche Nationalelf hat es geschafft!Weitere Bilder anzeigen
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14.07.2014 08:36Zum vierten Mal Weltmeister! Die deutsche Nationalelf hat es geschafft!

Ein Gewaltpotenzial hatte sich am deutschen Sieg entzündet, das 16 Jahre später, bei der WM 2006 mit Berlin als Zentrum, so nicht mehr zu beobachten war. Im Gegenteil, das Turnier wurde zum „Sommermärchen“, mit der zuletzt auf den dritten Platz verwiesenen deutschen Mannschaft als „Weltmeister der Herzen“. Friedlich-euphorische Stimmung allenthalben, erstmals ein Meer von Schwarz-Rot-Gold ohne dumpf-nationalistische Zwischentöne, wie sie 1990 noch viele Beobachter zu erkennen meinten. Die Fußballfeier, sonst nur eine Sache der allerdings zahlreichen Fans, geriet zum Volksfest, das auch ballferne Kreise begeisterte. Und Berlin war der Mittelpunkt, mit dem Olympiastadion, wo unter anderem das Finale ausgetragen wurde, mit dem Schlosshotel Grunewald als deutschem WM-Quartier und nicht zuletzt der erstmals veranstalteten Fanmeile, auf der sich zum Schluss am 9. Juli 2006 die Nationalmannschaft ihren Fans präsentierte. Fast vergessen war da schon wieder die Amokfahrt eines 33-Jährigen sechs Tage zuvor, der mit seinem Polo 300 Meter weit auf die Fanmeile gerast war: ein Schwer-, 20 Leichtverletzte. Es blieb dennoch ein wundervolles Sommermärchen.

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