Sport : Wie der türkische Fußball-Erfolg in Berlin gefeiert wurde

Suzan Gülfirat

Ein Wort war in Berlin besonders oft zu hören in der Nacht zum Donnerstag. "Wahnsinn." Dann fügten die meisten noch einen Satz hinzu: "Ich kann das gar nicht glauben." Aber es war geschehen, und Tausende von Berliner Türken und Fans von Galatasaray Istanbul feierten, jubelten, tanzten, und sie hupten vor allem in ihren Autos. Ob in Wedding, Neukölln, Mitte oder Schöneberg, überall Fahnen, die aus Autos geschwenkt wurden, überall aufgerissene Münder, die durcheinander redeten. Überraschung, Stolz, Freude - das war den Menschen im Gesicht abzulesen.

Zu spontanen Treffs mehrerer Tausend Kreuzberger Bürger kam es zwar auch am Kottbusser Tor. Aber vor allem die Innenstadt befand sich fast wie im Ausnahmezustand. Praktisch zeitgleich mit dem letzten Elfmeter-Tor hatte die Polizei die Nürnberger Straße zwischen Augburger Straße und Tauentzienstraße abgesperrt, weil aus dem türkischen Szenetreff "Nostalji" mehrere hundert Menschen auf die Straße rannten. Der Versuch, den Straßenverkehr zu regeln, blieb jedoch ohne jegliche Wirkung. Bereits wenige Minuten nach Spielende brach am Kurfürstendamm der Verkehr zusammen. In der Buchhandlung Hugendubel in der Tauentzienstraße ging zudem eine Scheibe zu Bruch, ein Flachmonitor wurde entwendet und die Kasse beschädigt. Das bestätigte ein Mitarbeiter am Donnerstag. Einen Zusammenhang mit der Jubelfeier wollte die Polizei, solange ermittelt werde, allerdings nicht stellen, da es bisher keine Zeugen für den Vorfall gebe.

Das Cafe "Nostalji" hatte das Spiel auf einer Großleinwand gezeigt. Während des Spiels glich die Stimmung im Cafe der Atmosphäre im Fußballstadion. Die Gäste feuerten frenetisch die Spieler an, klattschten Beifall, wenn der Torwart den Ball fing und sangen das Galatasaray-Lied. Unter den Gästen war auch der Grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir, der nicht nur bekennender Schwabe mit anatolischen Wurzeln sondern auch begeisterter Galatasaray-Fan ist. Jedenfalls trug er an diesem Abend einen rot-gelben Schal, die Farben des Istanbuler Fußballvereins.

In der jubelnden Menge fehlten auch diese Bilder nicht: Eingehüllt in türkische Fahnen spreizten einige die Finger für das Zeichen der Grauen Wölfem, was Cem Özdemir "absolut geschmacklos" fand. "Das ist gleichzusetzen mit dem Hitlergruß", betonte er. Sehr friedlich ging es in Kreuzberg zu, wo 30 Prozent der Bewohner ausländischer Herkunft sind. Deutsche und Türken feierten dort gemeinsam bis in den Morgen. "Ich freue mich, dass sie gewonnen haben", sagte ein deutscher Kreuzberger in der Menschenmenge.

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