• „Wie deutsche Schüler in der Pisa-Studie“ Der Doping-Experte Franke übt Kritik an der deutschen Justiz

Sport : „Wie deutsche Schüler in der Pisa-Studie“ Der Doping-Experte Franke übt Kritik an der deutschen Justiz

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Die Fahnder kamen am frühen Abend, und sie waren nicht zimperlich. Carabinieri der italienischen Drogenfahndung NAS und der Finanzpolizei durchsuchten in Corvara die Hotelzimmer von vier Mannschaften, die beim Giro d’Italia 2002 starteten. Alle vier Teams waren bis dahin von Dopingaffären betroffen. Die Fahnder sicherten unter anderem medizinische Unterlagen des unter Dopingverdacht stehenden Profis Stefano Garzelli. Bei anderen Razzien während diverser Giro-Etappen fiel den italienischen Fahndern noch viel mehr in die Hand. Reihenweise Dopingmittel wie Epo und Amphetamine. 2001 wurden bei der bis dahin größten Razzia im Sport im Gepäck von Dario Frigo Dopingmittel gefunden. Der Italiener war damals Zweiter in der Gesamtwertung, seine Mannschaft entließ ihn nach dem Fund. Nur bei zwei der durchsuchten 20 Giro-Teams soll damals kein belastendes Material gefunden worden sein. In Italien, bedeutet das, wird der Kampf gegen das Doping sehr ernst genommen. Seit ein paar Monaten ist sogar die Einnahme von Dopingmitteln verboten. Bisher durften etwa Bodybuilder straffrei Anabolika schlucken.

In Frankreich dürfen die Muskelmänner die Starkmacher zum Eigenbedarf noch schlucken. Aber wer größere Mengen hortet und als Dealer verdächtigt wird oder wer gar beim Handel mit Dopingmitteln erwischt wird, der wird hart bestraft. Zuletzt gab es vier Prozesse mit 63 Verurteilungen gegen Dealer, die Sportler mit den illegalen Substanzen versorgten. Allein im Mai 2001 wurden 41 Mitglieder eines Doping-Netzwerks zu Geld- oder zu Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren verurteilt.

In Deutschland dagegen haben Dealer bisher nicht allzu viel zu befürchten. Die Verfolgung ist lax. Wer Anabolika und Amphetamine konsumiert, hat sowieso nichts zu befürchten. Wer für den Eigenbedarf dopt, der geht straffrei aus, Der schädigt zwar seinen Körper, aber das ist dann seine Privatsache. Aber es gibt ja auch die Hintermänner, die Leute, die in Fitness-Studios die Pillen weiterverkaufen oder auf andere Weise muskelfixierte Amateursportler oder auch Hochleistungsathleten beliefern. Und gegen diese Dealer treten die Staatsanwälte eher selten auf. Im Jahr 2000 wurden zwar 109 Verfahren gegen Dopingschmuggler eingeleitet und diverse Personen verurteilt, aber der Schwarzmarkt ist immens groß.

Den Doping-Experten Werner Franke treibt die seiner Ansicht nach eher zögerliche Haltung der Justiz regelrecht in Wut. „Im Wettbewerb der europäischen Staatsanwaltschaften schneiden die deutschen Beamten ähnlich ab wie die deutschen Schüler in der Pisa-Studie“, verkündet der Zellbiologe, ein renommierter Doping-Experte, grimmig. In Deutschland gibt es zwar mitunter Fahndungen, aber so rigoros wie etwa in Frankreich oder Italien wird nicht durchgegriffen.

Im Fall Ullrich müsste jetzt eigentlich der Staatsanwalt einschreiten. Denn Amphetamine fallen unter das Rauschgiftgesetz. Das Aufputschmittel kann nämlich sehr schnell abhängig machen. Jan Ullrich muss sich die Fitmacher mithin illegal besorgt haben, oder irgend jemand hat sie für ihn aufgetrieben. Als er 2001 schon einmal unter Dopingverdacht stand, da hatte der Tour-Sieger von 1997 noch erklärt: „Das ist für mich eine Riesenrufschädigung. Wenn man gerichtlich dagegen angehen kann, dann mache ich das.“ Bekannt wurde nicht, dass Ullrich vor Gericht zog. Gut möglich allerdings, dass sich jetzt durchaus ein Staatsanwalt mit dem Radprofi beschäftigt. Da geht es dann allerdings um mehr als bloß um Rufschädigung. Frank Bachner

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