Wie die Saison wird : Tabelle der Träume

Hoffenheim wird Meister, Timoschtschuk droht mit der Mafia und Uli Hoeneß wechselt zu RB Leipzig: Moritz Rinke weiß schon jetzt, wie die Saison wird.

Moritz Rinke
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: dpa

Wenn ich mir was wünschen könnt’, dann würden ausnahmsweise mal zwei Meister werden. Werder Bremen zusammen mit der Hertha! Aber so etwas kann nur ein Traum bleiben. In der Wirklichkeit war die Saison 2009/2010 am Ende so ausgegangen.

Meister: TSG Hoffenheim.

Natürlich wegen Simunic, Salihovic und Ibisevic! Das war die Nic- und Vic-Saison. Vom Kreuzbandriss genesen, knüpfte Ibisevic an seine Gerd-Müller-Phase an und schoss 29 Tore aus allen Lagen: schneller als Gomez, Klose und Grafite und mit einem Sinn fürs Abstauben besser als der alte Luca Toni. Außerdem wurde er unterstützt von Demba Ba (19 Tore) und Obasi, den sympathischsten Angreifern der Liga. Dazu der weißgoldblonde Beck, der elegante Compper, der mandeläugige Eduardo, der maradonahafte Zuculini – alles Seelenspieler, SEELE, SEELE, da konnten die Bayern noch so viel einkaufen, sie schafften es wieder nicht. Nach dem zehnten Spieltag gab es bereits die irrsinnigste Meldung: Ex-Bayern Manager Uli Hoeneß hatte mit hochrotem Kopf in Hoffenheim angerufen und folgendes durch den Hörer geschrieen:

„Schon wieder ihr! Schon wieder Hoffenheim!? Ständig macht es Vic und Vic! Und Ba Ba und Zuc! Ich halt’s nicht mehr aus! Auch nicht auf der Tribüne! Ich biete euch meinen sofortigen Wechsel an!“ - „Wechsel? Wohin denn bitte?“, fragte eine verwunderte Stimme am anderen Ende der Leitung. „Na, nach Hoffenheim! Ich will nach Hoffenheim! Wohin denn sonst!?? Ich sitz bei euch auf der Bank!“, schrie Hoeneß.

2. Bayern München.

Das Gesicht von Karl-Heinz Rummenigge schwoll noch blutröter an als das von Hoeneß. Aber wie hätte das auch gut gehen sollen? Luca Toni brav auf der Bank? Daneben Anatoli Timoschtschuk? Timoschtschuk kam für elf Millionen – von Hoeneß gekauft – aus St. Petersburg und musste sich van Bommel vor die Nase setzen lassen. So was konnte man vielleicht mit Podolski oder Olic machen, aber nicht mit Timoschtschuk! So schnell konnte man sich gar nicht umgucken, wie bei den Bayern die georgisch-russische Mafia in die Säbener Straße einbog, das war auch mal etwas Neues in der Liga.

Bisher kannten wir skrupellose Menschenhändler (Spielerberater), Verschiebung und Manipulation (bestochene Schiedsrichter) sowie den üblichen Filz in korrupten Vorständen und Präsidien, aber Mafia? Ein Mann, der nach München seinen eigenen russischen Friseur mitbrachte, seinen eigenen georgischen Koch – so einer brachte natürlich auch noch weitere Leute aus diesen Regionen mit. Und da ließ sich dann auch Luca Toni nicht mehr lumpen und rief seinen guten Bekannten Berlusconi an, der mittlerweile hochoffiziell mit drei oder vier sehr blonden Frauen zwischen 17 und 27 zusammenlebte und sich nun alles erlauben konnte. Und plötzlich hatten van Bommel, Gomez und Klose, deren Nerven ja bekanntermaßen sowieso nicht die besten waren, ganz andere Sorgen: italienische, georgische und russische Männer, die ab dem zweiten Spieltag in abgedunkelten Limousinen vor dem Vereinsgelände parkten. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis van Bommel plötzlich in der Säbener Straße das Bewusstsein verlor und in der Transsibirischen Eisenbahn wieder aufwachte. Mario Gomez und Miroslav Klose zogen nach Sizilien und lebten dort fortan wie Brüder.

3. bis 5. Bremen, Wolfsburg, Stuttgart.

Muss man nicht lange begründen. Bremen fing sich wieder, Wolfsburg konnte das mit der Meisterschaft nicht wiederholen; die Schwaben setzten ihren Russen (Pogrebnjak) schlauerweise nicht auf die Bank.

6. Schalke.

Dabei hätte alles wieder gut werden können. Felix Magath hatte alles im Griff: Kuranyi, Rakitic, sogar den eigenwilligen Präsidenten Schnusenberg, nur mit den Muslimen in Gelsenkirchen hatte er nicht gerechnet. Im 1924 getexteten Schalke-Vereinssong heißt es: „Mohammed war ein Prophet, der vom Fußball nichts versteht, doch aus all der schönen Farbenpracht, hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.“ Man wusste ja, dass es Schalke schon immer mit der Religion hatte („An Jesus kommt niemand vorbei. Außer Libuda!“), aber diesmal wurde es ernst. Magath konnte während der Spiele kaum noch Anweisungen geben vor lauter Raserei in der Arena: HURENSÖHNE!!! IHR WERDET JETZT SOFORT EUER BESCHISSENES LIED ÄNDERN schrieen 60 000 Schalke-Türken, während sich Schnusenberg in den Katakomben unter dem Rasen verschanzte und „Nein, nein!“ flüsterte. „Ich hab schon alles andere wegen Magath ändern müssen, die Hymne behalte ich. DIE SINGE ICH SO GERN! DIE KANN ICH SO GUT AUSWENDIG!“

Magath konnte daraufhin den Spielbetrieb einstellen und flüchtete zurück nach Wolfsburg, wo sein Nachfolger Armin Veh protestierte: „Weggegangen, Platz vergangen.“ Internationale Mafia in München, islamischer Glaubenskrieg auf Schalke, was fehlte noch? Richtig, globaler Kapitalterror durch Investoren! Damit war nicht „Sky“ oder „Liga total“ durch das Internet-TV gemeint, sondern Red Bull. Ausgerechnet Uli Hoeneß, in Hoffenheim und bei SAP abgewiesen, ging nach Leipzig zum neugegründeten Verein Red Bull Leipzig und stieg noch während der laufenden Saison von der fünften in die erste Liga auf. Und man bekam eine Ahnung davon, was im Fußball nun bald kommen würde: Henkel Hanau! Yahoo Jena! Eon Essen! Ikea Flensburg! Eintracht Deutsche Post Würzburg! Google Godesberg! Usw. Eine Alptraumtabelle. Und wir sehnten uns ab diesem Tag nach Traditionsklubs wie Bayer Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg.

7. bis 10. Hamburg, Dortmund, Berlin, Leverkusen.

Der HSV hatte das Affentheater in der Sommerpause um Hoffmann und Beiersdorfer nicht verkraften können und einen zu diffusen Kader für Höheres; bei Dortmund mit ihrem neuen Stürmer Lucas Barrios war zwar alles möglich zwischen Platz 2 und 10, aber am Ende landeten sie auf 8 und Klopp verwandelte sich in Rumpelstilzchen. Neunter: Hertha. Ach, die so schwierige geliebte alte Hertha nur Neunter. Favre war trotzdem glücklich. Ihm war es vor der Saison gelungen, alle Spieler, die eine eigene Meinung hatten, loszuwerden (Pantelic, Simunic, Woronin). Und dennoch galt er in Berlin immer noch als netter Trainer. Sein größter Erfolg war, dass ihm in der ganzen Saison niemand widersprochen hatte.

11. bis 15. Köln, Hannover, Nürnberg, Gladbach, Frankfurt.

Lukas Podolski, in den so viele Erwartungen gesetzt wurden wie in den neuen amerikanischen Präsidenten, spielte keine überragende, aber ordentliche Saison und Kölns eigener Vic (Novakovic) richtete es wieder. Nürnberg hatte nach Hans Meyer wiederum einen besonderen Trainer, Michael Oenning, einen Pianisten und Germanisten, da kam ein ganz neuer Ton in die Liga! Gladbach rettete sich mit Juan Fernando Arango, Frankfurt spielte langweilig wie immer und holte sogar Funkel zurück.

Absteiger: Bochum, Freiburg, Mainz.

Die Mainzer wechselten sogar nach jedem fünften Spiel den Trainer, am Ende stiegen sie mit Udo Lattek ab.

Die schönste Szene der ganzen Saison aber fand in Hamburg statt. Die Hamburger spielten gegen Bremen und ausgerechnet Tim Wiese stellte sich vor die HSV-Kurve und rief: „Stellt euch vor, ich werde jetzt ein gesellschaftliches Tabu brechen! Ich hab das mit Theo Zwanziger vom DFB abgesprochen, dass ich das euch zum ersten Mal sage. Ich bin nämlich schwul! So jetzt wisst ihr’s. Jetzt geh ich wieder in mein Tor und kau Kaugummi.“ Ausgelöst durch dieses überraschende Bekenntnis stellten sich von der Elbe bis zum Neckar und von der Spree bis an die Isar viele Spieler wie entfesselt in die Kurven und sagten es wie Tim Wiese. Das Schlussbild der Liga war dieses: Luca Toni umarmte zur Überraschung von Berlusconi Philipp Lahm auf die zärtlichste Art und Weise und Magath saß mittlerweile wieder in München auf der Bank.

Er hatte sich einen weißen Bart wachsen lassen wie Mohammed und lächelte weise.

Moritz Rinke ist Dramatiker, Schriftsteller und Stürmer der Autoren-Nationalmannschaft.

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