Sport : Wie die Weltmeister

Argentinien demütigt Serbien-Montenegro mit einem rauschhaften 6:0-Sieg

Sven Goldmann[Gelsenkirchen]

Womit fängt man an zu erzählen nach einer Demonstration von Fußballkunst, wie sie diese Weltmeisterschaft noch nicht gesehen hat? Mit dem nackten Ergebnis, dem 6:0 der Argentinier über Serbien-Montenegro? Mit der furiosen ersten Halbzeit und drei Toren, allesamt eingeleitet von Javier Saviola? Oder mit der Einwechslung von Lionel Messi, den Diego Maradona auf der Tribüne feiernd begrüßte, sein Trikot über dem Kopf schwingend wie ein Lasso? Vielleicht doch mit der Glückseligkeit der argentinischen Fans, die doch so schwer zufrieden zu stellen sind, dass es dafür schon einen Kantersieg gegen den alten Rivalen Brasilien braucht, mindestens. Gestern Nachmittag standen sie noch lange nach dem Schlusspfiff auf den Sitzen der Schalker WM-Arena und sangen minutenlang ihr Lied, formvollendet und schön, wie zuvor das Spiel ihrer Mannschaft anzuschauen war: „Vamos, vamos, Argentina, vamos, vamos a ganar“ – auf geht’s Argentinien, auf geht’s zum Sieg. Unten auf dem Rasen tanzte die seleccion im Takt, in ihrem Rücken die Serben, die sich heimlich davonstahlen. Kaum einer hatte es gewagt, sein Trikot mit den Siegern zu tauschen.

„Ich habe doch gesagt, dass wir beim 0:1 gegen Holland ganz gut gespielt haben“, stammelte der serbische Trainer Ilija Petkovic. „Nach diesem Spiel sieht hoffentlich jeder, dass ich Recht hatte.“ Das 21. Spiel dieser Weltmeisterschaft war nur deshalb nicht das bisher beste, weil dazu auch ein angemessener Gegner gehört hätte. Die Serben und Montenegriner waren ein Trainingspartner, nicht mal einer der besseren Sorte. Der ganze Frust einer vorgeführten Mannschaft entlud sich in einer brutalen Grätsche von Kezman gegen Mascherano. Schiedsrichter Rosetti zog sofort die Rote Karte. Schon bei der Europameisterschaft 2000 war Kezman im Viertelfinale gegen die Niederlande wenige Sekunden nach seiner Einwechslung wegen eines ähnlichen Vergehens vom Platz geflogen.

In Erinnerung bleiben werden von diesem Freitag jedoch nicht die serbischen Defizite, sondern die von den Argentiniern gesetzten Glanzlichter. In der ersten Halbzeit trieben sie die überforderten Gegner wie Tanzbären über den Platz. Schon nach fünf Minuten stob Saviola das erste Mal davon, schaute nach links und passte nach rechts, in den Lauf von Maxi Rodriguez, der zum 1:0 traf. Das zweite Tor entsprang einer Kombination, wie sie dieses Turnier noch nicht gesehen hatte. Wieder ging sie aus vom kleinen Saviola als Initiator. Er spielte erst Doppelpass mit Riquelme und leitete dann weiter auf Cambiasso. Der Mailänder passte direkt weiter in die Mitte, wo Crespo den Ball mit dem linken Fuß annahm und mit der rechten Hacke zurück schob in den Lauf Cambiassos, Vollendung Formsache. Beim 3:0 nahm Saviola dem zaudernden Krstajic den Ball an der Eckfahne ab und schoss aus spitzem Winkel. Torwart Jevric wehrte ab, direkt auf den Fuß von Rodriguez, der sich mit seinem zweiten Tor bedankte.

Nach einer Stunde durfte der famose Saviola unter Ovationen den Platz verlassen, und bis zu diesem Zeitpunkt gehörten die Schlagzeilen ihm: Das gestrauchelte Wunderkind, das unter seinem Mentor Jose Pekerman ein grandioses Comeback hingelegt hat. Am Ende war er nur einer von vielen Helden. „Wenn man es genau nimmt, haben wir mit zwei verschiedenen Mannschaften gespielt“, sagte Trainer Pekerman, „und beide haben ihre Sache sehr gut gemacht.“

Das Spektakel erlebte eine zweite Initialzündung, als erst Carlos Tevez den Platz betrat und eine Viertelstunde nach ihm Lionel Messi, der 18-jährige Wunderknabe vom FC Barcelona, der wegen einer Oberschenkel-Verletzung ein paar Wochen nicht hatte spielen können. Messi war gerade drei Minuten auf dem Rasen, als er auf der rechten Seite zwei Serben davonlief und in die Mitte passte zu Crespo, der zum 4:0 traf. Danach war Tevez dran, der kräftige Stürmer, der sein Geld ausgerechnet in Brasilien verdient, bei Corinthians Sao Paulo. Ein Tunnel, ein Haken rechts, dann stand er allein vor dem Tor und verwandelte zum 5:0. Zwei Minuten vor Schluss schob Tevez in die Gasse zu Messi, dessen erstes WM-Tor beinahe unterging im Jubel der Massen.

„Increible!“, unglaublich!, riefen die argentinischen Journalisten, die doch noch immer einen Grund zum Mäkeln gefunden haben. Gestern fanden sie keinen, mal abgesehen davon, dass der Schiedsrichter penibel auf die Einhaltung der vorgeschriebenen 90 Minuten plus ein bisschen Nachspielzeit bestand. Nicht nur die 15 000 argentinischen Fans hätten noch den ganzen Abend zuschauen können, ohne dass ihnen langweilig geworden wäre. Allein die Statisten aus Serbien und Montenegro waren froh, als um kurz vor fünf endlich alles vorbei war.

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