Sport : Wie die WM doch noch ihren Star bekam

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Von Helmut Schümann

Seoul. Man hätte ihn ja fragen wollen, am späten Dienstagabend in Saitama ein paar Kilometer nördlich von Tokio. Einfach mal fragen wollen, warum er sich in jenen glücklichen Sekunden, in denen Brasilien die Türkei besiegte und ins Finale eingezogen war, für die uneleganteste Form des Torschusses entschieden hatte.

Mit der Picke! Man hätte dann gesagt, guter Mann, es ist WM, Halbfinale, und auch gesagt, dass dies nicht der Ort ist für die simpelste Form, einen Ball von A nach B zu befördern, schon mal gar nicht, wenn B das Tor ist. Und erst recht nicht, wenn er einen Bruchteil vorher auf die höchst elegante Art zwei, drei, vier türkische Spieler aber auch so was von nass gemacht hat.

Aber all die Fragen waren nicht möglich, weil Ronaldo Luiz Nazario da Lima etwas rastlos durch die Mixed-Zone tigerte und dabei in einer Art Kunstsprache aus Portugiesisch, Spanisch und Italienisch vor sich hinplapperte. Allein sein Lachen, das wurde in jeder Sprache verstanden. Ein Lachen, das wirkte, als sei der 25-jährige Ronaldo Luiz Nazario da Lima ziemlich glücklich zur Zeit.

Carlos Dunga, der 1994 in den USA mit Brasilien Weltmeister wurde und ansonsten für den VfB Stuttgart gespielt hat, hatte vor dieser Weltmeisterschaft gesagt: „Ronaldo arbeitet heute mehr mit seiner Technik und setzt seine Kraft gezielter ein. Und wenn er so weitermacht kann diese WM seine WM werden.“ Dunga könnte Recht behalten: Ronaldo führt die Torschützenliste an mit sechs Treffern, Ronaldo führt den brasilianischen Sturm an und damit Brasiliens Mannschaft, Ronaldo hat jetzt auch leitend die Imagekampagne übernommen. „Beckham ist weg, da habe ich gedacht, jetzt mache ich mal etwas Spaß für die Fans.“ David Beckham, Englands Star, hatte besonders hier in Japan die Massen zum Kreischen gebracht und den Friseuren jede Menge Arbeit, weil Japans Jugend auch so einen angedeuteten Irokesen-Haarschnitt haben will. Ronaldo hat sich nun die Kopfhaut in zwei Hälften geteilt, die vordere bedeckt ein zarter Flaum, die hintere ist kahl wie eh. Doch soll er mit seinen Haaren und seiner Glatze doch machen, was er will. Wenn er Fußball spielt, wie er hier Fußball spielt, wird eh immer der Heiligenschein drumherum zu erkennen sein. Davon hat er auch noch je einen am Fuß, am Knie und an beiden Hacken. Der um die Picke ist am Dienstag dazu gekommen.

Ronaldo ist auch so eine Fußball-Gott, wie Zinedine Zidane, der Franzose, oder der Portugiese Luis Figo. Ronaldo ist das schon seit zehn Jahren, seit er mit 15 zu Belo Horizonte kam. Ist es, seit er mit 17 für sechs Millionen Dollar zum PSV Eindhoven ging. Als er zwei Jahre später beim FC Barcelona spielte, sagte Pelé, der Gottvater unter den Fußballgöttern: „Ich bin glücklich, wenn ich mit Ronaldo verglichen werde.“ Es ist aber auch leider so, dass Ronaldo stets den Lazarus geben musste. Das Knie. 1996 wurde er das erste Mal daran operiert, 1999 war es wieder kaputt. Im April 2000, inzwischen spielte er bei Inter Mailand, wollte er wiederkehren im Punktspiel gegen Lazio Rom – nach sechs Minuten riss eine Sehne, wieder im rechten Knie. Weinend wurde Ronaldo auf der Trage zurück in die Krankenabteilung geschleppt. 29 Monate währte die Trübnis.

Man kann ihm dieser Tage in Asien ansehen, wie sehr ihn und die Ärzte die Furcht vor einem Rückfall plagen. Beim Abschlusstraining vor dem Halbfinale – Ronaldo hatte vorher ein leichtes Zwacken im Oberschenkel verspürt – stand Ronaldo vorsichtshalber nur neben Rivaldo. Ein Bild des Jammers, Ronaldo und Rivaldo, die vielleicht besten Kicker der Welt, mit dem Bewegungsradius von Altherren-Fußballern, während Ball und Freunde um sie herum tanzten.

Andererseits ist Ronaldo auch anzumerken, wie sehr ihn die Befreiung von der Last beflügelt und das Vertrauen, das Trainer Scolari ihm gewährt. In Seogwipo war es, beim Vorrundenspiel gegen die Chinesen. Ronaldo hatte gespielt, wie Dunga es gesagt hatte, effizient, mit sehr gezieltem Krafteinsatz, und hatte in der 71. Minute sein Tagwerk getan. Dann schritt er vorbei an den Mitspielern auf der Auswechselbank und dankte ausdrücklich dem Trainer. Da stand nicht mehr das Bübchen vergangener Tage, dem die Schüchternheit bis ins Mausezähnchengebiss gerutscht zu sein schien, der nicht ein noch aus wusste in seinem 4000 Dollar teuren Mailänder Appartement mit Blick auf die Galopprennbahn San Siro, der flüsterte und auf nahezu alle Fragen antwortete: „Ich weiß nicht.“ Ronaldo hat jetzt sein Picke-Tor gegen die Türkei mit mutigem Vergleich beschrieben: „Ich habe es mit der Fußspitze gemacht – wie Romario.“ Ein bemerkenswertes Wort, nicht nur, weil ein ganzer Satz aus Ronaldo sprudelte, sondern weil es Romario ist, mit dem er sich gleichsetzt.

Romario ist auch Fußball-Gott, in Brasilien aber zudem auch noch Held des Volkes. Den wollten sie hier sehen, den wollte aber Scolari nicht. Ronaldo bekam auch die Wut der Fans zu spüren. Noch im März des Jahres, als er erstmals nach all den Jahren der Finsternis im Krankenstand beim Testspiel gegen Jugoslawien daheim in Fortaleza wieder auf den Platz durfte, da hing ein Transparent im Stadion, eins, wie es in seiner epischen Breite nur im brasilianischen Fußball hängen kann: „Ronaldo einzusetzen ist so absurd, wie wenn man eine Frau heiratet, die man gar nicht kennt.“ Das war mal wieder eine Phase gewesen so kurz vor der WM, in der es gar nicht gut lief für Ronaldo. Sein Vereinspräsident bei Inter Mailand, Massimo Maratti, und sein Trainer Hector Cuper waren sich einig, dass man diesen Ronaldo nicht mehr brauchen könne, ein Tausch gegen Patrick Kluivert zum FC Barcelona wurde öffentlich diskutiert. Und in Brasilien wurde ihm in der Liste der besten Sportler des vergangenen Jahrhunderts lediglich Platz 20 eingeräumt. Mit dem Kommentar: „Ronaldo war der große Fußballstar der neunziger Jahre.“ Man kann schon verstehen, wenn Ronaldo dem Trainer Scolari ausdrücklich dankt.

Denn da ist ja auch immer noch etwas gerade zu rücken für Ronaldo, zu korrigieren: sein Verhältnis zur Weltmeisterschaft. Die erste spielte er in Amerika, 1994, das heißt, er war 17 Jahre alt und er spielte nicht. Die zweite WM spielte Ronaldo vier Jahre später in Frankreich, und noch heute ist ungeklärt, was damals im Finale gegen die Franzosen zum Debakel geführt hat. Kurz vor Anpfiff hatte Ronaldo einen Schwächeanfall erlitten. Mitspieler Roberto Carlos wähnte kurzzeitig sogar das Allerschlimmste: „Ronaldo ist tot?!“, hatte er gerufen. Ronaldo selber schiebt die Schwäche heute auf emotionalen Stress, sein Mailänder Vereinsarzt, Dottore Volpi, auf eine Überdosis schmerzstillender Medikamente. 15 Minuten später spielte Ronaldo, grottenschlecht. Auch die Aussagen, warum er spielte, gehen auseinander. Er selber sagt, weil er fit war, Mitspieler Edmund versicherte (und dementierte inzwischen), der Sponsor Nike habe den möglicherweise lebensgefährlichen Einsatz angeordnet.

Brasilien verlor bekanntlich 0:3, die Medien interessierten sich nicht für die Hintergründe von Ronaldos Spiel, die titelten: „Brasilien, weine! Zidane hat das getan, was Ronaldo hätte machen sollen.“ Drei Tage vor dem Finale 2002 gegen Deutschland ist Zinedine Zidane längst schon wieder zu Hause. Brasilien weint nicht mehr, Ronaldo Luiz Nazario da Lima, der vielleicht einzige wirklische Star dieser WM, lacht. Lacht wie die Kinder, das klingt nach Glück.

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