Sport : Wie Dieter Hoeneß seinen Bruder zum Manager machte

Herr Hoeneß[wann stellen Sie uns Stefan Eff]

Dieter Hoeness (48) arbeitet seit 1996 für Hertha BSC. Gemeinsam mit Trainer Jürgen Röber führte er den Verein aus der Zweiten Bundesliga bis in die Champions League. In seiner aktiven Karriere brachte es Hoeneß zu fünf Deutschen Meisterschaften mit dem FC Bayern München. Mit der Nationalmannschaft stand er 1986 im WM-Finale von Mexiko (2:3 gegen Argentinien).

Herr Hoeneß, wann stellen Sie uns Stefan Effenberg als neuen Spieler von Hertha BSC vor?

Wir müssen ein paar Punkte abwägen. Gegen Effenberg sprechen sein Alter und die Verletzungen, die er hatte. Darüber muss man reden. Aber eines ist klar: Stefan ist eine der wenigen Persönlichkeiten im deutschen Fußball. Und wenn er innerhalb der Bundesliga wechselt, will er es allen noch einmal beweisen. Vor allem den Bayern. Und er bringt die richtige Mentalität mit.

Diese Siegermentalität, die es in Deutschland offenbar nur bei den Bayern gibt.

Genau dafür steht ein Stefan Effenberg. Die Entwicklung dahin ist für Hertha BSC auch ohne ihn möglich, aber mit Effenberg würde es sicherlich schneller gehen. Wir denken darüber nach.

Der Denkprozess ist also noch nicht abgeschlossen?

Nein. Aber erst einmal muss Effenberg wieder hundertprozentig fit werden. Dann kann er jeder Mannschaft in Deutschland weiterhelfen, übrigens auch den Bayern.

Was für eine schöne Duplizität der Ereignisse. Der Vertrag des Münchner Spielmachers läuft aus, und Herthas Spielmacher wird seine Rolle bei den Bayern übernehmen.

Sie sagen es, eine Duplizität, nicht mehr. Mir wird da viel zu viel hineininterpretiert, wie sich Hertha bald ohne Sebastian Deisler weiterentwickeln will. Im Augenblick kämpfen wir gegen Mannschaften wie Schalke, Dortmund oder Leverkusen um einen Platz hinter den Bayern. Von denen sind wir gar nicht so weit weg, wenn überhaupt. Wenn der Sebastian zu einem dieser Klubs gegangen wäre, hätte uns das härter getroffen. Aber zu den Bayern? Die sind im Augenblick doch ohnehin unerreichbar.

In der Regel ist es so: Wenn die Bayern nicht mitmachen, kann keiner etwas ausrichten.

Richtig, aber wenn wir nicht mitmachen, kann auch keiner etwas machen. Es sei denn, der umworbene Spieler hat eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag. Das war bei Sebastian der Fall.

Ottmar Hitzfeld hat mal gesagt: Wenn Sebastian Deisler nicht die Ausstiegsklausel gehabt hätte, wäre Ihr Bruder Uli über seinen Schatten gesprungen und hätte zum ersten Mal als Manager des FC Bayern 50 Millionen Mark für einen Transfer ausgegeben .

Es macht keinen Sinn, darüber zu diskutieren. Tatsache ist, dass uns Sebastian Deisler verlässt. Und er verlässt uns Gott sei Dank nicht ablösefrei. Aber: Wenn die Bayern den Spieler für 50 Millionen hätten haben wollen, hätten sie ihn auch vor einem Jahr holen können. Damals lag uns kein Angebot vor.

Weil die Bayern ja wussten, dass er im kommenden Sommer auch für 18 Millionen Mark zu haben ist. Wann haben Sie denn damit gerechnet, dass Deisler Hertha verlassen wird?

Was heißt gerechnet? Befürchtet habe ich das, und zwar seit eineinhalb Jahren. Diese Gefahr war doch latent vorhanden. Als der Uli vor zweieinhalb Jahren erfahren hat, dass Sebastian zu uns kommen wird - na, ich kann Ihnen sagen, der war unglaublich zornig. Damals hat er mir den Kampf um Sebastian angekündigt, und seitdem läuft der Kampf. Aber auch Mailand, Barcelona und andere wollten einen Deisler haben. Ich musste kein Hellseher sein, um zu sehen, wie schwer es werden würde, ihn zu halten. Sebastian war da sehr offen. Er hat uns recht bald zu verstehen gegeben, dass für ihn nur wir oder die Bayern infrage kommen.

Das ist ja nicht unbedingt das schlechteste Kompliment.

So ist es. Dass ein Spieler, der von mehreren europäischen Spitzenklubs umworben war und sich am Ende für den Champions-League- und Weltpokalsieger entschieden hat, und das nach langer, schwerer Überlegung - das spricht nicht gegen unsere Entwicklung. Und dass er sich am Ende für die Bayern entschieden hat, zeigt uns noch etwas anderes: Wir müssen noch einiges tun, um die Verhältnisse eines Tages mal anders zu gestalten. Dass wir einen Spieler dieser Qualität bei Hertha halten können, obwohl er gehen könnte.

Das müssen Sie jetzt nur noch Ihren Fans erklären.

Ich verstehe doch, dass dieser Wechsel von den Fans emotional begleitet wurde. Die meisten sind zwar enttäuscht, dass Sebastian uns verlässt, können aber nachvollziehen, dass er für den besten Klub der Welt spielen will.

Sind Sie nicht froh, dass Deisler momentan verletzt ist und am Sonntag gegen die Bayern nicht spielen kann?

Nein, froh kann ich darüber gar nicht sein. Ich weiß ganz genau, dass Sabastian alles mobilisieren würde, um zu zeigen, dass er bis zum 30. Juni des kommenden Jahres bei Hertha unter Vertrag steht. Und zwar auch mit dem Herzen.

Aber Pfiffe wären nicht ausgeblieben.

Wir hätten im Vorfeld einiges unternommen. Bei der Mitgliederversammlung vor einigen Tagen bin ich dieses Thema ganz bewusst angegangen, obwohl mich niemand danach gefragt hat. Ich wollte den Mitgliedern Gelegenheit geben, ein bisschen Luft abzulassen. Mit diesem Thema werden wir uns nach der Winterpause noch einmal beschäftigen.

Wie hat die Mannschaft reagiert?

Ganz normal. Auch die wusste ja, dass die Möglichkeit besteht, dass dieser Spieler uns verlässt. Sie waren interessiert, aber es wäre für die Spieler wohl überraschender gewesen, wenn sich Sebastian für Hertha entschieden hätte.

Einer wie Deisler spielt eben lieber mit den Bayern in der Champions League gegen Barcelona als mit Hertha im Uefa-Cup gegen Stavanger.

Möglicherweise hätten wir eine reelle Chance gehabt, wenn wir uns für die Champions League qualifiziert hätten. Das war mit Sicherheit ein Knackpunkt. Sebastian möchte nun mal auf höchstem Niveau spielen. Nicht in Stavanger, sondern gegen Barcelona. Da haben Sie vollkommen Recht.

Die letzten Bundesligaspiele haben gezeigt: Es geht bei Hertha auch ohne Deisler.

Es ist erfreulich, dass wir momentan auch ohne den Sebastian erfolgreich spielen. Aber daraus gleich den Rückschluss zu ziehen, dass es gut läuft, weil Sebastian fehlt, das ist Quatsch.

Hertha wird immer wieder Interesse auch an anderen Bayern-Spielern nachgesagt, etwa an Alexander Zickler oder Carsten Jancker.

Wir brauchen Verstärkung im Sturm, große, kopfballstarke Spieler. Michael Preetz macht nach dieser oder nach der nächsten Saison Schluss, der Vertrag mit Ali Daei wird nicht verlängert. Da ist ein Carsten Jancker, falls er zu haben ist, natürlich ein Thema für uns. Ich glaube zwar nicht, dass die Bayern akuten Handlungsbedarf in dieser Frage haben. Aber ich glaube auch, dass Jancker über kurz oder lang den Verein wechseln wird.

Alles eine Frage der Ablösesumme.

Glauben Sie das wirklich? Die Bayern werden sicherlich den einen oder anderen Spieler verkaufen, aber sie müssen keinen verkaufen. Das ist ein Riesenvorteil. Sie haben über 30 Jahre hinweg eine Substanz aufgebaut, die es ihnen ermöglicht, auch nein zu sagen, wenn Angebote kommen. Sie können sich den Luxus leisten, auch noch einen sechsten oder siebten Stürmer zu haben.

Die Bayern wollen zur Weltmeisterschaft 2006 die halbe Nationalmannschaft stellen. Bieten Sie denn bei Spielern wie Michael Ballack und Sebastian Kehl auch mit, oder überlassen Sie den Bayern da von vornherein das Feld?

Sie können mir schon glauben, dass wir das sportliche Talent von Michael Ballack sehr früh richtig eingeschätzt haben. Das gilt auch für Sebastian Kehl. Aber die beiden sind, wenn ich richtig informiert bin, nicht mehr zu haben.

Die Bayern bekommen dank ihrer überragenden Stellung auch so ziemlich jeden Spieler, den sie wollen. Wer nach den Ursachen für diese dominierende Stellung sucht, der landet schnell beim großen Olympiastadion. Der Verein hatte schon immer die höchsten Zuschauereinnahmen der Liga.

Stopp. Das ist von diesem Bremer Schulsenator ...

Werders früherem Manager Willi Lemke ...

kolportiert worden. Reiner Populismus. Der hat doch noch nicht mal sein kleines Weserstadion voll bekommen, Werder hatte doch immer nur 12 000 Zuschauer. Wie hätte der denn 60 000 reinkriegen wollen? Schauen Sie sich doch Berlin an. Ins riesige Olympiastadion sind vor sechs, sieben Jahren nur 4000 Leute gegangen. Wenn sich das aufs Stadion reduzieren lassen würde, bräuchten wir ja nur noch eine Superarena, und schon hätten wir die beste Mannschaft der Welt.

Was ist es dann?

Die Bayern hatten schon immer das beste Management. Das hat bei Robert Schwan angefangen, als es wirtschaftlich noch mau aussah. Der Uli hat vom Schwan ein schönes Paket Schulden mitbekommen. Strukturen waren da, und der Uli brachte Visionen ein. Als der Franz Beckenbauer kam, hat der Uli mit Willi Hofmann, Fritz Scherer und Karl Hopfner schon zehn, zwölf Jahre sehr erfolgreich gearbeitet. Das fiel in die Zeit, als ich noch bei den Bayern gespielt habe. Später dann kamen Beckenbauer und Rummenigge dazu.

Sie sind 1979 zu den Bayern gewechselt, als es denen nicht ganz so gut ging.

Wir beim VfB Stuttgart waren Zweiter, die Bayern Zehnter. Und ich war gerade Nationalspieler geworden.

Aber Ihr Bruder war Manager in München.

Das war nie der Grund. Konnte ja gar nicht sein, denn der Uli war damals noch gar nicht Manager. Der frühere Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker hat mir an seinem 80. Geburtstag erzählt: "Wären Sie damals nicht zu den Bayern gekommen, dann wäre Ihr Bruder nicht Manager bei uns geworden."

Ihr Transfer war sozusagen das Einstandsgeschenk Ihres Bruders für den FC Bayern?

So kann man das ungefähr ausdrücken. Ich weiß gar nicht, ob der Uli das weiß. Wir haben nie darüber gesprochen. Es war letztlich ja auch völlig unerheblich.

Wie oft sprechen Sie jetzt eigentlich mit Ihrem Bruder?

Ganz unterschiedlich. Mal zweimal in der Woche, mal einen ganzen Monat lang nicht. Je nachdem, was anliegt. Es gibt ja auch Dinge der Liga, die abgesprochen werden müssen. Und gelegentlich fragen wir uns gegenseitig um Rat. Das ist ein normaler Austausch.

Auch über Sebastian Deisler?

Nein, über den haben wir im vergangenen Jahr überhaupt nicht gesprochen.

In der Öffentlichkeit galten Sie früher als ein politisch stark polarisierendes Brüderpaar. Sie links-liberal, der Bruder auf der anderen Seite. Ist das immer noch so?

Das hat sich etwas angenähert. Beidseitig. Ich habe mich übrigens nie parteipolitisch zuordnen lassen. Ich halte mich bei solchen Fragen in der Öffentlichkeit etwas zurück. Und der Uli seit geraumer Zeit ja auch.

Haben Sie sich mit ihm nie politisch gestritten?

Als ich noch Student war, hatten wir natürlich einige unterschiedliche Auffassungen. Und diese Auseinandersetzungen sind auch geführt worden, manchmal auch recht laut. Aber heute haben wir beide uns doch sehr angenähert. Die Unterschiede zwischen den Parteien sind ja auch nicht mehr so groß wie damals.

Die Bayern haben hervorragende Kontakte zur Politik. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber steht dem Aufsichtsrat vor. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit charakterisieren?

Das Verhältnis ist sehr gut. Klaus Wowereit kann Herthas Stellenwert in dieser Stadt sehr gut einschätzen. Wenn ich ein Problem hätte, dann würden wir schnell und gut ins Gespräch kommen. Aber das war bisher noch nicht der Fall.

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