Sport : Wie Dreijährige

Oliver Trust

Als sich im Mannschaftsbus der Bayern gegen Mitternacht schon die ersten Gabeln und Messer durch Nudeln, Reis und Geschnetzeltes wühlten, empfing Ottmar Hitzfeld ein paar Meter weiter neben den wuchtigen Betonsäulen des Fritz-Walter-Stadions Schmährufe. "Wir wollen die Rosi sehen", riefen ein paar. Und "Schalke, Schalke". Der Bayern-Trainer lächelte und schrieb Autogramme. Weder die Erinnerung an seine Affäre mit einem Fußball-Groupie noch die 1:5-Schlappe in der Bundesliga stimmten ihn nach diesem Pokalspiel verdrießlich. Vielleicht hat er an die Kekse und Gummibärchen gedacht, die ihm die Busfahrerin immer dezent unter ein Kissen legt. Nervennahrung für einen Trainer, der in München die erste große Krise erlebt.

"Wir haben verdient gewonnen", sagte Hitzfeld. Die Freude über den 5:3-Sieg im Elfmeterschießen beim 1. FC Kaiserslautern und den Einzug ins Pokalhalbfinale hatten die letzten Zweifel weggespült. "Ich habe immer gesagt, nach einem Spiel kann man nicht von Krise sprechen", sagte Manager Uli Hoeneß. Die sieben Spiele ohne Sieg hatte er vergessen, als er in dieser lauen Nacht verkündete: "Noch drei entscheidende Spiele, dann sehen wir weiter. Aber ich nehme jede Wette an, dass wir am Sonntag gegen Leverkusen gewinnen." Wie Sieger schauten die gescholtenen Stars jedoch nicht drein. Mehmet Scholl, Jens Jeremies, Oliver Kahn und Stefan Effenberg hasteten wortlos mit finsterer Miene in die Abgeschiedenheit des Mannschaftsbusses. Nur wenige wollten sich zur Diskussion um den zuletzt schwachen Stefan Effenberg äußern. "Er ist unser absoluter Leader, man kann so einen nicht auf die Tribüne setzen", sagte Torsten Fink, "jetzt rollen wir das Feld von hinten auf, jetzt geht es um die Meisterschaft."

Der Trainer, so sagte Fink, hätte alles richtig gemacht. "Er hat heute die positive Quittung bekommen." Für die Zuschauer sah das eher wie 120 Minuten Gestolpere aus. Was blieb, waren vollmundige Sprüche. "Leverkusen wirst du bei uns nicht gewinnen sehen", sagte Fink vor dem Spitzenspiel der Bundesliga am Sonntag.

Allerdings hatte es in Kaiserslautern noch ein kurioses Schauspiel gegeben, weil sich beide Teams vor dem Elfmeterschießen nicht auf ein Tor einigen konnten. Kaiserslautern wollte die Elfmeter vor der Westtribüne austragen, wo die meisten ihrer Fans stehen. Während des Spiels und der Verlängerung hatten diese den Bayern-Torwart Oliver Kahn 60 Minuten lang mit Obst und Feuerzeugen beworfen. Doch auch Uli Hoeneß redete auf den Schiedsrichter ein. "Wir wollten, dass ausgelost wird", sagte der Manager des FC Bayern. Dagegen wiederum protestierte Kaiserslauterns Teamchef Andreas Brehme, der später aber zugab: "Ich kenne die Regeln nicht."

Schiedsrichter Jürgen Jansen fragte bei ZDF-Reporter Michael Palme nach, ob die live übertragende Fernsehanstalt ein Tor bevorzugen würde, und als dies nicht der Fall war, entschied er sich für das Tor vor der Osttribüne. Jansen erklärte: "Es gibt keine Regel, nach der das Tor ausgelost werden muss. Ich habe mich im Sinne der Sicherheit der Spieler für das Tor vor dem Gästeblock entschieden, weil auf der anderen Seite Gegenstände auf das Feld zu fliegen drohten."

Der Rest gehört ins Fach Erziehungswissenschaft für Fortgeschrittene. "Ich bin stolz, dass wir mit 22 Spielern vom Platz gegangen sind", sagte Jansen. "Als Schiedsrichter kann man nicht über die Stränge schlagen, sonst gehen wir mit sechs gegen sechs vom Platz", sagt er zu den vielen rüden Fouls, darunter auch Lincolns Schlag ins Gesicht von Thorsten Fink. Es war ein schweres Spiel, das die Geduld der Zuschauer und des Schiedsrichters strapazierte. "Wissen sie", sagte Jansen, "ich habe einen dreijährigen Sohn. Der ist manchmal schwierig - aber nie so schwierig wie die Spieler heute."

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