Sport : Wie ein Ästhet pragmatisch wurde

Der Brasilianer Zico trifft heute als Trainer Japans auf sein Heimatland

Stefan Hermanns[Köln]

Eigentlich ist es ein gutes Zeichen, wenn man einer Mannschaft nachsagt, dass der Einfluss ihres Trainers deutlich zu erkennen sei. Bei der japanischen Fußball-Nationalmannschaft und ihrem brasilianischen Trainer Zico ist das Lob jedoch zweifelhaft. Am Sonntag, im Duell mit Europameister Griechenland, spielte die Mannschaft wunderbaren Fußball: taktisch klug, schnell, direkt durchs Mittelfeld. Doch wann immer die Japaner dem Tor der Griechen nahe kamen, überfiel sie eine seltsame Form der Hektik. Ihre zwölf Chancen reichten für gerade ein Tor.

Mit dem Spieler Zico hat es sich früher ähnlich verhalten: Bei ihm besaß die Ästhetik Vorrang vor der Effizienz. In den frühen Achtzigerjahren galt Zico neben Diego Maradona als bester Mittelfeldspieler der Welt, „der weiße Pelé“ wurde er genannt. Doch den Traum, die Seleção zum WM-Titel zu führen, hat er sich nie erfüllen können. Das beste Ergebnis war Platz drei bei der WM 1978. „Zico gehört zu einer Generation der Verlierer“, hat Brasiliens früherer Nationalspieler Romario einmal gesagt.

Wenn Zico heute (20.45 Uhr, live im ZDF) mit Japan auf Brasiliens Nationalelf trifft, geht es nicht nur um den Einzug ins Halbfinale des Confed-Cups. Zico spielt auch gegen seine Vergangenheit. Gewinnt Japan, muss Brasilien nach Hause fliegen. Der 52-Jährige ist in diesen Tagen nach seiner persönlichen Befindlichkeit angesichts dieses Duells befragt worden. Nach der Übersetzung vom Portugiesischen über das Japanische ins Deutsche blieb von seiner Antwort wenig Substanzielles übrig: „Das Gefühl, jetzt japanischer Trainer zu sein, ist sehr stark. Auf meine Landsleute kann ich keine Rücksicht nehmen.“

Das kann er schon deshalb nicht, weil er immer noch jeden Erfolg benötigt. Zico hat sich als einer der prominenten Geburtshelfer der J-League zwar die Anerkennung der Japaner erworben, als Nationaltrainer aber ist er nie unumstritten gewesen, obwohl Japan 2004 die Asienmeisterschaft gewonnen hat und sich als erste Mannschaft für die WM in Deutschland qualifizieren konnte. Vor allem am Anfang, nach nur einem Sieg aus sieben Spielen, ist der Brasilianer heftig angegangen worden. „Es fehlt an Strategie, Aggressivität und Ehrgeiz“, höhnte sein Vorgänger, der Franzose Philip Troussier.

Zico fand als Trainer erst dann Anerkennung, als er sich und seine Vergangenheit als Spieler verleugnete. „Zico hat sich verändert“, sagt der japanische Journalist Kenji Yuasa, der an der Sporthochschule Köln zum Fußballlehrer ausgebildet wurde und als Kotrainer von Rudi Gutendorf in Japan gearbeitet hat. „Ich bin sehr stolz auf ihn.“ Als Zico nach der WM 2002 Nationaltrainer wurde, wollte er „den Spielern die Angst nehmen, Fehler zu machen“. Sie sollten nicht nur diszipliniert, sondern auch schön spielen dürfen. Doch den Medien war das Ergebnis wichtiger als das Erlebnis. Darauf hat Zico seine Mannschaft eingestellt. „Zico ist ein intelligenter Mensch“, sagt Kenji Yuasa. „Er wusste, dass die Medien still werden, wenn er gewinnt.“ So viel Pragmatismus hat Zico als Spieler nie besessen.

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