Sport : Wie ein anderer Mensch

Box-Weltmeister Markus Beyer ist mit Hilfe eines Psychologen gereift – heute will er den Titel verteidigen

Michael Rosentritt

Berlin - Die letzten Stunden vor einem Kampf sind für Boxer die schlimmsten. Der Stressfaktor steigt, die Anspannung wird unerträglich. Wie aber bezwingt man Stress? Sven Ottke beispielsweise ist an Kampftagen zum Friseur gegangen. Die Klitschkos spielen Schach, andere sind nicht ansprechbar. Markus Beyer aber, der 34 Jahre alte Weltmeister im Super-Mittelgewicht, legt an Kampftagen ein ausgedehntes Mittagsschläfchen ein.

Für Boxer ist das ungewöhnlich, für Henry Maske unfassbar. „Was, du legst dich noch mal hin?“, fragte der frühere Weltmeister völlig entgeistert, als Beyer ihm davon erzählte. „Henry konnte das gar nicht fassen“, erzählt Beyer. „Manchmal muss ich mir sogar den Wecker stellen.“ Was mancher als Zeichen von Coolness auslegen mag, passt eigentlich so gar nicht zum sensiblen Sachsen. Es steht sogar im Widerspruch zum Wesen des gebürtigen Erzgebirglers. Beyer ist ein Grübler, ein Zweifler. „Markus ist heute so und morgen so“, hat sein langjähriger Trainer Uli Wegner mal erzählt.

Markus Beyer ist der einzige Boxweltmeister, den Deutschland momentan hat. Heute (ab 22.55 Uhr, live in der ARD) will er seinen Titel im Berliner ICC gegen den Amerikaner Omar Sheika verteidigen. In den vergangenen Tagen wirkte Beyer sehr konzentriert und längst nicht so grüblerisch oder gar zweifelnd. Den Grübler und Zweifler in sich hat Beyer bezwungen. Der Kampf gegen sich selbst war der schwerste und wichtigste Kampf im Leben des Boxers.

Markus Beyer hat Hilfe bei einem Psychologen gesucht. Im Machosport Boxen ist das ein heikles Thema. „Es heißt ja immer: Wer zum Psychologen geht, hat ’ne Meise“, erzählt er. „Das bekommt ihm, er ist reifer und stabiler geworden“, sagt sein Trainer Wegner heute. Tatsächlich ist Beyer ein exzellenter Boxer. Wie nur wenige Boxer kann der Rechtsausleger (rechte Führ-, linke Schlaghand) einen blitzsauberen Leberhaken schlagen. „Wo hat er diesen Schlag gelernt?“, rief Angelo Dundee, als sein Schützling Leif Keiski gegen Beyer durch einen Leberhaken schwer k. o. gegangen war. Dundee war jahrelang Betreuer Mohammad Alis.

Dieser Schlag, begünstigt durch die Rechtsauslage, gilt als die hohe Kunst des Boxens. Es ist der effektivste aller Treffer, aber gleichzeitig auch der gefährlichste Schlag. Es erfordert Können und Mut, um den Leberhaken als Konter in den Angriff des Gegners hineinzuschlagen.

Das Können hatte Beyer schon immer, jetzt hat er auch den nötigen Mut. Vor einem sitzt ein gereifter, ausgeglichener Mann, der in seiner Karriere viel einstecken und sich mühsam zurückkämpfen musste. Mal waren es Krankheiten und Verletzungen wie das Pfeiffersche Drüsenfieber, Handbrüche oder eine Sehstörung, die ihn zurückwarfen. Manchmal waren es aber auch böse Schläge des Gegners, die ihn in den Ringstaub warfen.

Nach Max Schmeling und Ralf Rocchigiani war Beyer der dritte Deutsche, der im Ausland Weltmeister wurde. 1999 in England entthronte er den Briten Woodhall. Zwei Kämpfe später verlor er den WBC-Titel an Catley (England). Beyer holte ihn sich 2003 gegen den Kanadier Lucas zurück, verlor ihn aber ein Jahr später gegen den Italiener Sanavia wieder. Beyers Karriere stand auf der Kippe. Vier Monate später, im Herbst 2004, knöpfte er dem Italiener den Titel wieder ab. Geholfen hat ihm dabei Mentalcoach Eckhard Winderl.

„Im Grunde bin ich ein anderer Mensch geworden“, sagt Beyer. Was der Mentaltrainer genau bewirkt hat, ließe sich schwer erklären. „Ich weiß nicht mal, ob er mir mehr angewöhnt oder abgewöhnt hat“, sagt Beyer. „Er hat mich befähigt, mir viele Sachen nicht mehr so schwer fallen zu lassen.“ Wenn es früher Probleme gab, „habe ich mich in mein Schneckenhaus zurückgezogen“. Der Psychologe hat ihm diese Scheu genommen. „Ich bin jetzt offener und gehe auch unangenehmen Dingen nicht mehr aus dem Weg.“ Das habe sich auch auf seine sportliche Leistung ausgewirkt. „Mich hat das stärker gemacht“, sagt Beyer.

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