Sport : Wie ein betrogener Ehemann

T-Mobile reagiert schockiert auf die neuen Enthüllungen über Jan Ullrich

Sebastian Moll[Beziers]

Olaf Ludwig sieht nicht gerade erholt aus in diesen Tagen. Der Teamchef von T-Mobile hat Ringe unter den Augen, die Furchen auf seiner Stirn sind tiefer geworden, und die grauen Strähnen seines schwarzen Schopfes scheinen sich täglich zu vermehren. „Ja, das ist alles ein ganz schöner Schlauch“, gibt der ehemalige Weltklasse-Radfahrer zu. Die Ereignisse der vergangenen Wochen sind offenbar an die Substanz gegangen. Vermutlich würde Ludwig im Moment lieber wieder selbst auf dem Rad sitzen, als diese Mannschaft zu führen.

Erst hatte Ludwig zu verkraften, dass er unmittelbar vor dem Start der Tour seinen Mannschaftskapitän Jan Ullrich nach Hause schicken musste. Er musste die Restmannschaft neu formieren, motivieren, ihr neue Ziele setzen. Das lief zunächst ganz gut – in der ersten Woche schlugen sich die vormaligen Helfer Ullrichs prächtig. Gerade an dem Tag, an dem das Team um den neuen Kapitän Andreas Klöden in den Pyrenäen im Kampf um das Gelbe Trikot einen herben Dämpfer hinnehmen musste, kam dann zu allem Überfluss auch noch die nächste schlechte Nachricht aus Deutschland. Und wieder ging es um Doping.

Am Freitag wurden Dokumente bekannt, aus denen hervorgeht, dass Jan Ullrich offenbar nicht erst in diesem Jahr in das Dopinggeschäft eingestiegen ist. Die Aufzeichnungen aus der Praxis des Madrider Dopingarztes Eufemiano Fuentes sind starke Indizien dafür, dass Ullrich vor und sogar während der Tour 2005 bereits mit Dingen wie Eigenblut, Insulin und Testosteron hantiert haben könnte. „Das haut einen wirklich von den Socken“, sagte Olaf Ludwig am späten Freitagabend im Mannschaftsquartier in Beziers. Er wirkte fassungslos.

Dabei müsste sich Ludwig über derartige Meldungen eigentlich freuen. Denn schließlich prüfen seine Anwälte und die vom Sponsor T-Mobile derzeit, wie sie am besten aus den Vertragsverpflichtungen gegenüber Ullrich herauskommen. Ullrich hat noch einen Vertrag bis zum Jahresende bei der Firma von Ludwig, dem Betreiberunternehmen des T-Mobile-Teams, sowie einen mehrjährigen Berateranschlussvertrag mit dem Mobilfunkunternehmen. Ludwig und T-Mobile würden zwar Ullrich lieber heute als morgen loswerden, doch angesichts des Aufgebots an Staranwälten, die Ullrich engagiert hat, geht man lieber behutsam zu Werk. Gerade deshalb dürften sich die Advokaten des T-Mobile-Teams angesichts der neuen Erkenntnisse die Hände gerieben haben.

Bei Ludwig überwiegt jedoch zumindest öffentlich die persönliche Enttäuschung. Die Enttäuschung, wahrscheinlich von jemandem hintergangen worden zu sein, mit dem er seit vielen Jahren in verschiedenen Funktionen eng zusammengearbeitet hat, der vermutlich in seiner Nähe während der vergangenen Tour abenteuerliche Cocktails aus verschiedenen Medikamenten geschluckt und sich Eigenbluttransfusionen gelegt hat.

Olaf Ludwig gibt den betrogenen Ehemann, doch hat er wirklich nichts geahnt? Schließlich kennt er die Radsportszene seit Jahrzehnten, er ist selbst noch unter dem Sportlichen Leiter Rudy Pevenage Radrennen gefahren, der für Ullrich Kontakt mit Eufemiano Fuentes, dem vermeintlichen Drahtzieher eines Dopingkartells, gehalten hat. „Ich kann das alles gar nicht glauben“, sagt Olaf Ludwig. Er würde Jan Ullrich wohl am liebsten erst einmal vergessen. Das aber wird schwer. Denn vermutlich ist über die Umtriebe seines teuersten Vertragsfahrers noch lange nicht alles bekannt.

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