Sport : Wie ein Eichhörnchen

Der FC Arsenal spielt wieder einmal zu null und ist nach dem mühsamen Sieg dennoch nicht zufrieden

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„Eigentlich ganz gut… hätte vielleicht noch besser sein können… ist schon ein gutes Ergebnis… 2:0 wäre natürlich sehr gut gewesen… die Chancen waren da…“ Mit welchem Sieger man am Mittwoch auch sprach – kein Arsenal-Spieler schien wirklich zu wissen, was er mit diesem Ergebnis anfangen sollte. Aliaksandr Hleb, der Vorbereiter des einzigen Treffers durch Kolo Touré, sagte zu fortgeschrittener Stunde lächelnd: „1:0 ist 1:0. Jetzt ist es zu spät, etwas zu sagen“.

Allein Jens Lehmann bezog eine eindeutige Position. „Ich bin enttäuscht“, sagte der Torwart, „in Deutschland sind die Eichhörnchen schön und braun, hier nur grau.“ Die englischen Reporter schauten ungläubig, Lehmann versprach ihnen: „Bei der Weltmeisterschaft werden Sie sich selber davon überzeugen können“. Das aus Amerika eingewanderte Grauhörnchen hat in England seine europäischen Verwandten fast gänzlich verdrängt. Es ist härter im Nehmen und kommt vor allem in Städten gut zurecht. Mitten in der ersten Halbzeit war so ein urbaner Nager, von den Zuschauern frenetisch gefeiert, in die Nähe von Arsenals Tor gelaufen. „Es turnte irgendwo links rum“ (Lehmann) und ließ sich erst nach ein paar Minuten wieder verjagen. Lehmann hatte kurz überlegt, den ungebetenen Gast mit einem Hechtsprung einzufangen, so wie es einst Sepp Maier bei einer Ente versucht hatte, entschloss sich dann aber, es beim guten Zureden zu belassen. „Es war einfach zu schnell für mich.“

Größere Sorgen als das freche Grauhörnchen hatte Lehmann an diesem Abend nicht. Je weiter Arsenal in der Champions League kommt, desto weniger scheint er zu tun zu bekommen. Seine junge Abwehr und der famose Ausputzer Gilberto Silva, in der brasilianischen Heimat als „die unsichtbare Mauer“ bekannt, ließen aus dem Spiel heraus keine einzige Chance der Gäste zu; gefährlich wurde Villarreal nur bei Freistößen des ansonsten wenig auffallenden Regisseurs Juan Roman Riquelme. Die Spanier erwiesen sich als clevere Spielzerstörer und bereiteten Arsenal mit ihrem aufwändigen Pressing viele Probleme in der Eröffnung, nach vorne zeigten sie jedoch so gut wie keine Ambitionen. Nicht mal nach dem Rückstand war Arsenals neuntes Match ohne Gegentor in Folge ernsthaft gefährdet. „Wir dachten, jetzt kommen sie endlich“, wunderte sich Thierry Henry, „aber sie kamen einfach nicht“. Bei den Spaniern war die Furcht vor einem zweiten Gegentreffer offensichtlich stärker als der Wille zum Ausgleichstor. Aber auch Arsenal wirkte merkwürdig gehemmt.

„Die Situation war schwierig für uns“, sagte Arsène Wenger, „wir wussten nicht so recht, ob wir die Null halten oder das zweite Tor erzielen sollten“. Beide Gedanken rauften heftig miteinander in den Köpfen, in der Konsequenz spielten die jungen Londoner nur in kurzen Phasen frei auf. Beide Teams konnten am Ende mit dem Ergebnis leben, denn der österreichische Schiedsrichter Konrad Plautz hatte ein Tor von Henry fälschlicherweise wegen Abseits aberkannt und auf der anderen Seite Villarreals Stürmer José Mari einen Elfmeter verweigert.

Lehmann, der sich zwei Mal als Grätscher vor dem eigenen Strafraum profilierte, hatte kurz nach Schlusspfiff noch die Muße gehabt, seine Verteidiger Touré und Eboué wegen einer kleinen Unachtsamkeit zusammenzustauchen. „Man muss manchmal schreien, damit die Jungs aufwachen“, sagte der Torhüter, „jeder kleine Fehler kann schon der letzte sein“. In dieser Gewissheit tat auch er sich schwer, den Sieg zu bejubeln: „Noch ist nichts erreicht“. Am Samstag steht ein schweres Spiel gegen Tottenham um den vierten Platz in der Liga an, Dienstag schon der Ausflug ins Madrigal-Stadion. Die entscheidende Phase der Saison? „Ah, das ist gut. Sie erinnern mich daran, dass ich ins Bett gehen sollte, es ist ja schon spät“, sagte Lehmann. Viel Gelächter.

Sein neuer Freund, das Grauhörnchen, darf übrigens in den nächsten Wochen abends wieder ungestört nach Nüssen graben, es war das letzte Europapokalspiel im Highbury. Bald entstehen hier luxuriöse Wohnungen und ein Park. Das komplette Stadioninventar wird verkauft, auch der Rasen, 0,09 Quadratmeter kosten 25 Pfund. Lehmann hat sich sein Stückchen noch nicht reserviert. Er bleibt im Gegensatz zu dem vierbeinigen Besucher lieber über der Grasnarbe: „Nicht, dass ich da eine Urne rausziehe“.

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